Von Michael Sontheimer

Nein, so was führen wir leider nicht", bedauert Herr Wenzel vom Berliner Statistischen Landesamt. "Das ist ja auch ein definitorisches Problem", gibt der Experte für Bevölkerungsstatistik zu bedenken. "Was ist eine Wohngemeinschaft?" Es dauert eine Weile bis Herr Wenzel einen Terminus gefunden hat, der sich in statistischen Rastern verwenden läßt. "Gruppen nichtverwandter Personen mit mindestens drei Mitgliedern, die gemeinsam in einer Wohnung einen Haushalt betreiben", schlägt er vor. Bei knapp fünfzigtausend Westberliner Haushalten könnte es sich schließlich laut Mikrozensus um jene Gebilde handeln, die im Szene-Slang und in den Kleinanzeigenspalten der Stadtzeitungen gnadenlos als "WG" abgekürzt werden. 1966 hatte es mit der Kommune 1 angefangen, in den siebziger Jahren wurde die anspruchslosere Version als Wohngemeinschaft zum Massenphänomen einer Minderheit; in den Achtzigern ist aus der zukunftsweisenden Alternative zur Kleinfamilie zumindest ein dauerhaftes soziales Relikt geworden.

"Wie halten Sie das nur aus?" fragen mich gelegentlich die Kolleginnen oder Kollegen dieser großen Hamburger Wochenzeitung mit einem neugierigen Schauern. "Wer kocht denn bei Ihnen?" wollen vor allem Frauen gerne wissen und quittieren die Antwort "Alle" mit einem ungläubig anerkennenden Blick. Da diese Damen und Herren mittleren und fortgeschrittenen Alters zumeist in Scheidungsruinen in den Vororten oder mit Antiquitäten überladenen Altbauwohnungen residieren, ist die wirkungsvollste Antwort die Gegenfrage: "Und wie halten Sie das aus?" Für sie ist die Vorstellung, in einer WG zu wohnen, ebenso exotisch, wie für mich die Vorstellung, nicht so zu leben. Ich bin wohngemeinschaftsabhängig, ein WG-Junkie, dem traute Zweisamkeit ebenso ein Schrecken ist, wie heroisches Single-Dasein.

Kurz zur Pathologie: Im Sommer 1969 bereiteten wir als "Ad-hoc-Gruppe" an einem Berliner Gymnasium einen Schulstreik vor und brauchten ein Megaphon, um unsere Mitschüler zum Aufruhr zu agitieren. Also marschierten wir los in irgendeine Seitenstraße des Kurfürstendamms, wo die Kommune 2 residieren sollte. Dort übergab uns auch ein freundlicher Herr ein Megaphon, doch zu unserer Verblüffung entsprach er keineswegs dem bürgerschreckenden Schauerbild eines Kommunarden. Er hatte keine besonders langen Haare und nicht mal einen Bart. Ich war gerade vierzehn geworden und es war die erste Begegnung mit einem Pionier des kollektiven Lebens – eines Lebens, von dem wir alle träumten.

Damals existierte bei mir und meinen Freundinnen und Freunden nicht der geringste Zweifel daran, daß wir, sobald wir von zu Hause loskämen, so etwas auch gründen wollten. Das "Elend der bürgerlichen Kleinfamilie" – wie sich da unsere Erzeuger in den eigenen vier Wänden isoliert mehr schlecht als recht liebten – hatten wir Tag für Tag vor Augen und diese Ödnis wollten wir uns, bitteschön, ersparen. Der Anspruch der K 2 von der "Revolutionierung des bürgerlichen Individuums" klang uns zu sehr nach unermüdlicher Arbeit, die Happenings der chaotischen K 1 gefielen uns schon besser. Wir wollten unseren Spaß haben.

Daß sich bereits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Hunderte von Anarchisten, Esoterikern und Wandervögeln aus der deutschen Jugendbewegung in Landkommunen versucht hatten und zumeist gescheitert waren, entdeckten wir erst Jahre später. Der Nationalsozialismus hatte diese Tradition verschüttet und wir konnten uns deshalb als Pioniere einer völlig neuen Idee gefallen.

Vor dreizehn Jahren hatte ich glücklich mit einem Freund eine Zwei-Zimmer-Wohnung ergattert, Hinterhof Parterre. Wir hatten kaum die Blümchentapeten unserer jugoslawischen Vormieter überstrichen, da tauchte ein Schulfreund von mir auf. Lediglich mit einem Pappkoffer in der Hand war er vor dem Einberufungsbefehl zur Bundeswehr nach Berlin geflüchtet und als er am Abend erklärte, er wolle in der Jugendherberge übernachten, sagten wir: "Quatsch, du kannst doch erst mal hierbleiben."