„Verraten und verkauft“ von Nikita Michalkov

So abgebrüht sind wir schon, so verlottert, verkommen und verroht, daß wir bei einem Überfall auf die Eisenbahn automatisch erst mal den Banditen die Daumen drücken. Hier müssen wir aber, wenn wir einen Genuß von dem Film haben wollen, ganz schnell umdenken, denn die Finsterlinge, die früher in US-Western erst die Indianer und dann die Mexikaner waren, sind in diesem SU-Western Konterrevolutionäre und marodierende weiße Kosaken, während der Strahlemann, der – einer gegen alle – den Goldschatz rettet, ein Roter ist, noch dazu von der Tscheka (Tschreswytschajnaja Kommissija po Borbe s Kontr-revolutsijej i Sabotazhem – Außerordentliche Kommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage), der Vorläuferin der heldenhaften GPU. Das macht er so nett, daß wir ihm zum Schluß auch die stolze Rancherstochter wünschen möchten, es kommen aber weit und breit keine Ranchers- oder sonstigen Töchter vor. Dafür wird der oberste Bad Guy vom Chef persönlich gespielt, und wir merken gleich, daß er der Regisseur sein muß, weil er längst nicht so gut reiten kann wie alle anderen. Sogar den Hut hält er sich fest, wenn sein Pferd anfängt zu galoppieren. So was unterläuft ja nicht mal Kinsky, wenn er bei Sergio Leone den Glöckner von New Mexico spielt; da kriegt er nämlich gar nicht erst einen teuren Hut zugewiesen. Und die Musik ist leider auch nicht von Ennio Morricone, sondern sie driftet immer mal wieder verträumt davon, so daß wir prima auf der Veteranen-Gala im Haus der Volkssolidarität dazu tanzen könnten. Ein erstklassiger Western für Leute, die keine Western mögen. Harry Rowohlt