Von Werner Grassmann

Es klingelt zweimal. Herr A. sitzt mit seiner Frau beim Frühstück. Er ist Kinobesitzer, sein Leben lang schon, und daher weiß er: Wenn es zweimal klingelt, ist es der Postmann. The postman always rings twice.

Vor der Tür steht aber nicht der Postmann, sondern ein netter, sogar ausgesprochen netter Herr. Dem Kinobesitzer kommt dieser irgendwie bekannt vor, und als sich der neue Herr vorstellt, fällt ihm auch sofort ein, warum er ihn kennt: Es ist der Gerichtsvollzieher.

Bei einer Tasse Kaffee kommen sich die beiden Herren schnell näher. Lächelnd, mit kleinen Anekdötchen verziert, geht der Herr Gerichtsvollzieher noch einmal die Stationen ihrer Bekanntschaft durch. Das erste Mal kam er vor vier Jahren zum Kassieren, denn der Filmverleiher wollte partout nicht mehr länger auf seine Filmmiete warten. Und der Drucker des Landtäler Boten der zwar die laufenden Anzeigen weiterdruckte, weil er genau wußte, daß ohne die Bekanntgabe des Spielplans das Kino schnell am Ende sein würde, brauchte sein Geld schließlich auch. Und dann die Sache mit dem Klempner. Im strengen Winter vor zwei Jahren waren die Toiletten eingefroren. Es war eine teure Reparatur.

Aber in erster Linie waren es immer wieder die Filmmieten, die eingefordert wurden. Und so ist es auch jetzt. Nur sind es diesmal fast 20 000 Mark. Herrn A. ist die Sache furchtbar unangenehm. 1934 hat sein Vater dieses Kino gegründet. Nie gab es Schulden. Alle Rechnungen wurden immer prompt bezahlt. Aber seit dem zweiten großen Besucherschwund Ende der siebziger Jahre ist es von Jahr zu Jahr schlimmer geworden.

Früher war das Kino der Mittelpunkt des Ortes. In den fünfziger Jahren kam sogar gelegentlich ein deutscher Star zur Premiere eines Films. Der Bürgermeister hielt eine kleine Rede, der Friedhofsgärtner sorgte für den Blumenschmuck auf der Bühne, und im „Goldenen Löwen“ gab es ein Essen für vierzig Personen zu Ehren des Stars – und weil der Film Reklame brauchte. Da war noch etwas los im Städtchen. Das Kino war, jedenfalls sagte es so der Bürgermeister in seinen Reden, ein kultureller Mittelpunkt im Leben der Bürger. Aber nun ist schon lange kein neuer Film mehr in das schöne, große Kino (540 Plätze) gekommen, denn 1977 wurde in der dreißig Kilometer entfernten Kreisstadt aus einem ebenfalls schönen, großen Kino ein Center mit fünf Kleinkinos gemacht.

Und nun besteht der Konkurrent aus der Kreisstadt darauf, daß alle interessanten und publikumsattraktiven Filme zuerst in seinen Kartonkinos gezeigt werden, und zwar solange, bis fast alle Kinogänger im Umkreis von fünfzig Kilometern die Filme gesehen haben. 5 gegen 1, da hat Herr A. nicht mehr viel Chancen. Denn der Kreisstadt-Konkurrent „wertet“ die Filme viel besser aus, bekommt Herr A. vom Filmverleiher erklärt, weil er die Filme vom Kino 1 bis runter zum Kino 5 (36 Plätze) spielt. Dazu kommt, daß der Kinocenter-Mann in anderen Städten noch mehr Kinocenter hat und für den Verleih daher eine ziemliche Wirtschaftsmacht darstellt, mit der sich kein geschickter Kaufmann so leicht anlegt. Das muß Herr A. doch einsehen, meinen die Verleiher, wenn sie ihm mal wieder die Lieferung eines Films verweigern.