Von Hans-Werner Rodrian

Ein leises Rascheln dringt von draußen durch die Stille. Im Halbdunkel schlage ich die Augen auf. Ganz weit vorn kommt ein schmaler, greller Lichtstrahl durch die niedrige Höhlentür, wirft einen flimmernden, tanzenden Fleck auf den grobgezimmerten Tisch, die weinrot lackierten Stühle. Ziga, der Hotelhund, schiebt seine weiche Schnauze zur Tür herein.

Nicht zu glauben, daß es schon halb zehn Uhr ist. Lange habe ich nicht mehr so gut geschlafen wie in dieser Wohnhöhle. Sie haben sicher nichts gewußt von biodynamischem Wohnklima, die alten Griechen auf Santorin. Und dennoch gruben sie an den senkrecht abfallenden Lavawänden ihre Höhlen bereits vor Jahrtausenden hinein in den weichen, federleichten Bimsstein.

Hier draußen, vor der ungleichmäßig gemauerten Frühstücksterrasse, sieht man von der ganzen stattlichen Wohnung nicht mehr als ein weißgetünchtes Stück Wand im Fels, eine Tür, einen Fensterladen. Unter mir und über mir andere kleine Terrassen. Das ganze Feriendorf „Oia Village“ ist wie ein Amphitheater im Miniaturformat in den Berg gebaut. In der Morgensonne wandern Schatten auf den zierlichen Steintreppchen, dazwischen leuchtet ein einzelner Hibiskus, der sich im Fels festgekrallt hat; aus einer Mauerritze windet sich roter Klatschmohn.

Gespannt und erwartungsvoll trete ich die drei Schritte vor an die kaum kniehohe Brüstung. Fast dreihundert Meter geht es dort hinunter – und unten liegt spiegelglatt und azurblau das Meer. Das also ist die berühmte „Caldera“, der Krater von Santorin. Ich hatte viel gelesen über die Insel, das winzige, kaum zwanzig Quadratkilometer große Stück Lava im Ägäischen Meer, genau auf der Spannungslinie zwischen Europa und Afrika.

Bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus soll hier eine hochentwickelte Kultur geblüht haben – bis die große Explosion kam. Wie den Deckel eines überhitzten Druckkochtopfs samt Inhalt muß es den Großteil der Insel in die Luft geschleudert haben; von der einstmals „die Schöne“ genannten blieben nur ein paar armselige, ausgefranste Randbruchstücke zurück. Durch drei Lücken in den zerborstenen Felswänden drang das Meer in das gähnende Loch im ehemaligen Inselinneren ein und teilte die verbliebene Landmasse weiter: Außer der halbmondförmigen Hauptinsel Santorin deuten noch zwei kleinere Inseln – Thirassia und Aspronissi – den Umfang des einstigen Vulkans an. Auch später kam die Erde nicht zur Ruhe: Aus der Mitte der weiten Krater-Wasserfläche wuchs vor 250 Jahren ein neuer Vulkankegel: Nea Kameni, die „neue Verbrannte“.

Aber seltsam, das richtige Gruselgefühl will sich nicht einstellen. Selbst die rabenschwarzen Felswände, die gestern nacht bei unserer Ankunft noch geheimnisträchtig und unheilvoll wirkten, bekommen nun im warmen Morgenlicht Farbe: Da verläuft eine gelbliche Linie, dort ein rotes Felsband im Stein. Das Faszinierendste am ganzen Bild aber sind die vorwitzig das ganze Kraterrund entlang gebauten Häuschen. Wie Würfelzuckerstücke an der Abbruchkante verstreut, geben sie dann und wann den Blick frei auf eine blau gestrichene Kirchturmkuppel, wagen sich wie hier in Oia oder drüben in Santorins Hauptort Thira auch weit hinunter in den Schlund des Vulkans.