Von Rudolf Walter Leonhardt

Ulrike hatte es immer für eine meiner Marotten gehalten. Jedesmal, wenn einer es unbedingt wissen wollte, nannte ich Lawrence Sternes "Tristram Shandy" als meinen Lieblingsroman. Auch illustre Parteigänger wie Johann Wolfgang v. Goethe schienen meine Wahl nicht überzeugender zu machen. Seit sie jedoch im Krankenhaus den "Tristram Shandy" von Werner Finck zehn Stunden lang vorgelesen bekommen hat, ist sie nicht mehr ganz sicher, daß ich spinne. Es ist eines, ein Buch zu lesen. Es ist ein neues und recht andersartiges Erlebnis, es von einem verständigen Interpreten mit angenehmer Stimme vorgelesen zu bekommen.

Der Weg über den Atlantik wird kürzer. Zehn Jahre dauerte es, bis Jazz und Marihuana aus Louisiana uns erreichten. Bei Jeans und Aerobic waren es dann kaum mehr fünf. Drei Jahre nach ihrem Durchbruch in New York sind nun die "books-on-tape" auch in Deutschland gelandet. Die "Deutsche Grammophon" hat gerade zehn Romane als "Hörbücher" auf 59 Langspiel-Kassetten herausgebracht; der Rowohlt Verlag will demnächst mit einem Roman ("Der Fall" von Albert Camus) und mit Erzählungen oder Auszügen aus vier anderen Rowohlt-Büchern nachziehen. Er nennt das mit einem hübschen Wortspiel "Literatur für Kopfhörer".

Nun hat solche Literatur auch in Deutschland eine lange Tradition. Sprechplatten gehören zu den gehüteten Schätzen unserer Schallplattensammlungen. Am unmittelbarsten leuchtet der Gewinn gegenüber dem gedruckten Wort dort ein, wo Autoren aus ihren Büchern lesen, so wie Thomas Mann aus den "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull" (S. Fischer Verlag) oder Günter Grass aus der "Blechtrommel" (Deutsche Grammophon). Besonders reizvoll ist das bei Versen. Dem Pfullinger Neske-Verlag verdanken wir eine Platte "Lyrik der Zeit", auf der Ingeborg Bachmann, Helmut Heissenbüttel, Karl Krolow, Günter Eich, Hans Arp, Paul Celan, Walter Höllerer und Günter Grass eigene Gedichte vortragen.

Es ist für das Verständnis beinahe unentbehrlich, sich einmal anzuhören, wie James Joyce selber seine Texte gelesen wissen wollte. Es gibt nur zwei Aufnahmen: die Aeolus-Episode aus den "Ulysses" (gelesen 1924) und den Schluß von "Anna Livia Plurabelle" aus "Finegans Wake" (gelesen 1931).

Dazu kamen Stücke von eher dokumentarischem Wert, also zum Beispiel Martin Heideggers Vortrag "Der Satz der Identität", gehalten 1957 zur Fünfhundertjahrfeier der Universität Freibure, oder Hans Magnus Enzensbergers Rede anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises 1963. Jedoch schon auf den Sprechplatten handelte es sich meistens um Texte, die von Schauspielern vorgelesen wurden.

Sehr gute Erfahrungen haben die Plattenfirmen und die Verlage mit ihren Sprechplatten nicht gemacht. Sie waren ein Luxus, ein Aushängeschild – kein Geschäft.