Von Rolf Michaelis

Am Ende waren alle satt. Aufgetischt wurden am 19. Mai 1342 im Kloster der Dominikaner zur Krönung des Papstes Clemens VI., dessen Palast für die Freunde der Tafel damals noch zu klein gewesen wäre: 118 Ochsen, 1023 Schafe, 101 Kälber, 914 Ziegenkitze, 60 Schweine, 69 Zentner Speck, 15 Störe, 300 Hechte, 10 471 Hähnchen, 1446 Gänse, 39 980 Eier, 3611 Äpfel, 50 000 Torten, 5500 Krüge und 2212 Flaschen Wein und – man lebte wie Papst in Frankreich – 46 856 Portionen verschiedener Käsesorten. Mehr als 6240 Zentner Eichenholz für die Feuerstellen sind in den Rechnungsbüchern der päpstlichen Küche für dieses Fest verbucht und 100 Zentner Wachs für Fackeln und Kerzen, denn der Feiertag wurde zur Festnacht.

Bei Tag, bei Nacht: so wird noch heute an den Ufern der Rhône gefeiert, wenigstens während der vier Wochen des "Festivals von Avignon". Für Frankreich, wo wie bei uns jedes Städtchen mit einem Klostergarten, einem Kreuzgang, einer stillgelegten Fabrik aus den romantischen Tagen der frühen Maschinenzeit zu einem eigenen Festival lädt, ist "Avignon" so etwas wie Bayreuth und Salzburg an einem Ort – innerhalb eines mittelalterlichen Mauerrings von knapp fünf Kilometer Länge.

Kann man sich ausmalen, wie es in diesem Hitze-und-Lärm-Kessel, durch dessen vier Tore auch der Mistral kaum Kühlung weht, 29 Tage, 29 Nächte lang zugeht? Mit teutonischer Strenge bestehen die provençalischen Stadtpolizisten in ihren preußischblauen Uniformen darauf, daß in den Straßen-Restaurants pünktlich um 2 Uhr früh die Lichter gelöscht und die Gäste nach Hause oder in ihre unter Büschen versteckten Schlafsäcke geschickt werden. Was machen die hungrigen Besucher der zwölf Stunden dauernden Aufführung von Paul Claudels "Seidenem Schuh", die Antoine Vitez im Ehrenhof des Papstpalastes inszeniert hat? Zuschauer dieses eher bleiernen Schuhs haben dann gerade die erste größere Pause (60 Minuten) und noch sieben Stunden vor sich bis zum Ende gegen 9 Uhr. Man schleicht in eines der wenigen Restaurants in den Gassen um den düsteren Palast, die zwar die Außenbeleuchtung, in dieser Nacht aber nicht den Herd abgeschaltet haben.

Man könnte auch im Innenhof des Palastes bleiben, wo die Bühne aufgeschlagen ist und wo jetzt ganze Sitz-Reihen von Schläfern unter Decken und Mänteln belegt sind. Doch kann auch Tuchfühlung mit erschöpft an Zigaretten saugenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu dieser Nachtzeit kaum die Verdrießlichkeit mindern über die Fünfzig-Meter-Schlange vor der einzigen Toilette, über schalen Kaffee oder ein matschiges Schinken-Sandwich.

Wenn wir unter den Strahlen der schon wieder dörrenden Morgensonne aus dem Palast taumeln, dröhnen bereits die Trommeln der südamerikanischen Musikgruppen, die auf dem weiten Fels-Platz über dem Fluß die Touristen unterhalten. Schon kommen uns die freundlichen jungen Leute entgegen, die in oft aberwitziger Kostümierung für ihre Kleintheater-Aufführungen beim Alternativ-Festival "Avignon-Off" werben. Während wir ins Bett fallen, denken wir daran, daß die "Nacht der Poesie in einem Garten", die auf der anderen Seite der Rhône, in Villeneuve, von "Radio France" gefeiert wird, womöglich noch gar nicht zu Ende ist. Und im Einschlafen gilt ein letzter Gedanke den Zuschauern in Theater- oder Film-Sälen, für die Sonderveranstaltungen um 2 oder 3 Uhr früh begonnen haben, etwa für Patrice Chereaus Inszenierung von Tschechows genialischem Jugendstück "Platonow".

Hier wird keiner satt: Das offizielle Programm verzeichnet für 29 Tage/Nächte rund sechzig Aufführungen und Konzerte mit mehreren hundert Vorstellungen. Im Programm des "Off"-Festivals höre ich bei der Veranstaltung 99 zu zählen auf. Und täglich kommen neue Gruppen dazu, ziehen wild geschminkt mit Requisiten oder in hupendem Auto-Corso durch die verwinkelten Gassen, drücken einem hektographierte Zettel oder erstaunlich schöne Werbe-Postkarten in die Hand. Bäume und Straßenlaternen sind bis obenhin mit Plakaten beklebt. Man watet durch ein Straßen und Plätze überschwemmendes Papier-Meer, das die in weiße, mit dem Stadtwappen geschmückte Overalls gekleideten Müllmänner Nacht für Nacht zwischen 1 und 2 Uhr, wenn Avignon noch vor Leben summt, trockenzulegen versuchen.