Detlev Meyer: „David steigt aufs Riesenrad“

Seine „Biographie der Bestürzung“, sagt der Berliner Schriftsteller Detlev Meyer, ein Virtuose des Leichtsinns, solle am Ende so viele Bände zählen wie Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. In den ersten beiden Büchern – „Im Dampfbad greift nach mir ein Engel“ und dem nun erschienenen zweiten Teil „David steigt aufs Riesenrad“ (Verlag Eremiten-Presse, Düsseldorf 1987; 156 S., 29,80 DM) – erleben wir Meyer als einen fröhlichen Anachronisten. Er schreibt das Buch eines unzeitgemäß heiteren Lebens, einer traumhaft freien Existenz. Der Schriftsteller Dorn, Meyers Hauptfigur, ist glücksbegabt. In der Subkultur der Großstädte ist er zu Hause, begegnet er seinen Liebhabern, spielt er den Abenteuerer. Mit Pointen, Spitzen, Kokettheiten hält er sich die Welt vom Leib und bewohnt sie wie sein Paradies. „Mach dir nichts draus, genieß es!“ rät Dorn auch diesmal. Aids gibt es noch nicht in diesem Wunderland der sexuellen Erfüllung. Unsere Tragödien, zuviel für eines Mannes Trauer, kommen nicht vor. Die Subkultur stürzt sich ins Satyrspiel. Dorn lebt, Dorn liebt, Dorn vergnügt sich. Seine Berufung zum bürgerlichen Schriftsteller beschreibt er gern als Tragikomödie. „Nun, mein lieber Junge“, heißt es im „Brief an eine schöne Seele“, mit dem Meyers neues Buch endet, „die Welt ist laut Shakespeare eine Bühne, und uns beide hat das Schicksal nicht ins Parkett gesetzt.“ Aus zwei schwärmerischen Briefen an zwei wundersam schöne Knaben und zwei Radtouren besteht der zweite Teil dieser fiktiven Biographie, einer „Tour der Freuden“ und einer „Tour der Leiden“. Das Leid besteht in der Wiederholung (der ersten Radtour). Die norddeutsche Tiefebene erweist sich auf dieser Reise als schwere Attacke auf das subkulturelle Lebensgefühl. Menschen wie „Doornkaat, eckig und ehrlich“ verfinstern Doms Welt. Schon plant er ein erschütterndes Buch zu schreiben, „ein beklemmend düsteres, von fast wilder Trauer“. Dorn: „Es hat sich ausgelacht! Ich werd’ euch stinknormal bestürzen!“ Detlev Meyer wird das zu verhindern wissen. Seine Prosa, die den Stimmbruch kultiviert, ein Auf und Ab zwischen sonoren Manierismen aus der Sprache der Kunstgänger und dem grellen Jargon der „Szene“, enthält die Zauberformel gegen das Pathos des Jahrzehnts. Jene, die sich in diesen Jahren ihres Bankrotts noch immer als Verantwortungsdenker inszenieren wollten, provozierte Meyer schon in den achtziger Jahren mit einem Leichtsinn, der (hinter Märtyrerposen und Schmerzensgehabe verborgen) die Wahrheit über seine Zeitgenossen war. So etwa will ich in zwanzig Jahren, wenn die „Biographie der Bestürzung“ vollendet sein wird, meinen großen Detlev-Meyer-Essay beginnen. Helmut Schödel

Erasmus Schöfer: „Tod in Athen“

Viktor Bliss liegt auf der Intensivstation. Katina, eine junge griechische Kommunistin, spricht für ihn auf eine Kassette. Pathetisch, fast rührselig redet sie von Literatur, von der Arbeiterklasse und von Sotiria, die während einer Demonstration brutal überfahren worden ist. Das Ende steht am Anfang, Katinas Worte durchbrechen die Chronologie des Romans (Weltkreis Verlag, Dortmund 1986; 434 S., 28,– DM) und sprechen schon über die Heilung der Leiden des (west-)deutschen Kommunisten Bliss. So beginnt die Geschichte: Manfred Anklam, Betriebsratsvorsitzender aus Düsseldorf, ist gekommen, um seinen Freund Bliss vom Exil auf Leros in die Bundesrepublik zurückzuholen. Doch der ist völlig verbohrt in die Suche nach seiner verlorenen Identität. Sein Problem läßt sich allerdings nicht auf eine Formel bringen – was hat sein Berufsverbot als Lehrer, sein Zweifel an der Partei, die den promovierten Historiker zum Vorzeigefall machte, damit zu tun, daß seine Freundin ihn verließ und ihn in die griechische Inseleinsamkeit trieb? Nachdem im (Verkehrs-)Chaos von Athen die deutschen Widersprüche aufgerissen sind, an denen Bliss und Anklam leiden, treffen sie bei der Begegnung mit griechischen Kommunisten auf Katina. Die Liebe zu ihr macht den zergrübelten Viktor zum Helden: Er stürzt sich in die Flammen der von Putschisten gelegten Brände, um die Bewohner eines Altersheims zu retten. Die Endstation Krankenhaus und Katinas sonnige Worte (die sich wie die Rauchwolken der Brände durch das ganze Buch ziehen) verkitschen Viktor Bliss’ Geschichte zum Leiden am gebrochenen Herzen. Dagegen sind in diesem ersten Roman Erasmus Schöfers, eines Mitbegründers des Werkkreises „Literatur der Arbeitswelt“, einige Dialoge und Beschreibungen gut gelungen. Frank Busch

Dosio Koffler: „Die deutsche Walpurgisnacht“

Goethe, Schiller und Nietzsche fahren aus dem Grab auf, um unter der Führung von Mephisto das Dritte Reich zu besichtigen. Was sie bei ihrem Erkundigungsflug zu sehen und hören bekommen, erschüttert selbst Mephisto: „Es ist zu toll, sogar für meinesgleichen.“ Dieses „Spiel in 5 Szenen“, (persona Verlag, Mannheim 1987; 114 S., 22-DM), 1941 im Londoner Exil geschrieben, steckt voller grotesker Einfälle. Vor der Eliteklasse einer nationalsozialistischen Ordensburg zum Beispiel stellt Mephisto seine Begleiter als „Herren der Kulturabteilung“ vor, welche die zeitgenössische Rezeption der deutschen Klassik überprüfen wollen. Die drei sind entsetzt über das Schindluder, das mit ihren Werken getrieben wird, mehr noch als über Diktatur und Terror. Goethe stottert, Schiller schluchzt und Nietzsche „verbirgt vergebens seine Erschütterung“. Mephisto versucht seine betroffenen Begleiter durch eine Konfrontation mit „Stimmen aus dem Äther“ wieder aufzumuntern, doch auch im Äther herrscht Chaos. Beethovens Neunte, von der BBC ausgestrahlt, wird überlagert von der Internationalen, die aber zur Verwunderung Schillers nicht aus Moskau kommt, sondern aus Berlin. Mephisto klärt ihn auf: „Es ist die Leibstandarte des Führers. Sie spielt auf zur Freundschaftsvisite des Sowjetpremiers beim Führer...“ Dem irdischen Grauen und Wirrwarr entspricht das akustische Inferno des Äthers: „Hysterische Stimme“ (Hitler), „unhysterische Stimme“, BBC, Deutschlandsender, „Moskauer Ansager“, zwei Geheimsender und andere Töne produzieren ein „unentwirrbares Knäuel aufeinanderprallender Funkwellen“. Die Faust-Parodie Dosio Kofflers steht, wie Karl Riha im Nachwort erläutert, in der Tradition „fortgedichteter Walpurgisnächte“, einer Tradition, die vom Jungen Deutschland über Grabbe bis zu Karl Kraus reicht. Dosio Koffler, 1892 in Galizien geboren, fühlte sich auch als Schüler von Kraus, dem er nach Wien folgte. Seine Exilstationen waren erst Prag und dann London, wo er 1955 starb. Die Darstellung des Faschismus als Groteske traf offensichtlich den angelsächsischen Geschmack, denn kein Geringerer als der ehemalige Chefredakteur der Times, Wickham Steed, besorgte 1942 einen Verlag für die englische Fassung ‚The German Witches’ Sabbath“. Der persona Verlag hat nun die verschollene deutsche Fassung wiederentdeckt. Willi Jasper