West-Berlin

Auf Heimatsuche in der Großstadt hat sich das Emil-Fischer-Museum in Berlin begeben. Gegründet wurde es vor wenigen Jahren im bevölkerungsreichen Arbeiterbezirk Neukölln. Seitdem widmete es sich fleißig, aber ohne Aufsehen zu erregen, dem Sammeln jüngerer und jüngster Zeugnisse der lokalen Vergangenheit. Und da der Prophet bekanntlich im eigenen Lande nichts gilt, bedurfte es erst einer von weither angereisten Kommission, um der Stätte proletarischen Forschungseifers im museal übernachteten Großraum Berlins zu überregionaler Beachtung zu verhelfen.

Alljährlich wird aus den etwa 20 000 europäischen Museen eines für den Museumspreis des Europarats vorgeschlagen. Bisher konnte erst eine deutsche Stadt, Rüsselsheim, den begehrten Preis Entgegennehmen. In diesem Jahr wurde er dem Heimatmuseum in Neukölln verliehen.

Schon die Lage des Neuköllner Museums läßt keinen Zweifel an dem bewußt provisorisch angelegten Geschichtsverständnis der Museumsmacher aufkommen. Es ist untergebracht in der ehemaligen Bibliothek des Stadtbades Neukölln. Ein Saunabetrieb nebenan entläßt die heftig schwitzenden Leiber seiner Gäste in den gemeinsamen Innenhof. Museumsleiter Udo Gößwald hätte die Möglichkeit gehabt, eine Sichtblende zu ziehen. Er verzichtete listig darauf.

Gegen den Strich gebügelt wurde denn auch das diesjährige Ausstellungsthema: „Neukölln stellt sich seiner Geschichte – das Jahr 1912“. Ein rundes Jubiläum, das den Ausstellungs-Akteuren willkommener Anlaß war, den „Mikrokosmos Neukölln“ aufzuschneiden wie einen Schweizer Käse. Wen wundert’s, daß der alsbald zu stinken anfing.

Rixdorf, so hieß die ehemals schnell wachsende Vorstadt im Süden Berlins. Ihr Ruf war sprichwörtlich. „In Rixdorf is Musike“ besagte nicht mehr und nicht weniger, als daß in den Vergnügungsetablissements rund um die Hasenheide Saufereien und Schlägereien an der Tagesordnung waren. 1912 beschlossen die Stadtväter daher den Namen Rixdorf in Neukölln umzuwandeln. Von der Änderung versprach man sich den Zuzug besserer Steuerzahler. Doch daß sich nicht jedermann vom imagefördernden Federstrich überzeugt zeigte, belegt die Aussage eines Chronisten: „Hinter der arglosen Bezeichnung Neukölln birgt sich manche Beule, mancher Tritt in den Hinterkopf, manch gekittete Kinnbacke, manch frei umherliegender Zahn ...“

Veranschaulicht wird der zupackende Charme der Neuköllner durch ein typisches Ausflugslokal: die „Neue Welt“ – mit Alpenkulisse und Tanzbühne über Jahrzehnte der Inbegriff derber Gemütlichkeit.