Des Polizisten Los ist ach, so schwer“ – so sang ein armer englischer Beamter vor fast 100 Jahren. Es war eine leichtere Zeit. Wir sollten ihm unsere Nächstenliebe nicht entziehen.

Gesetzhüter, Gesetzgeber und Gesetzmacher hatten es immer schwer. Solch ein Beruf leidet unter fürchterlichen Zweideutigkeiten. Manche subversiven Denker (und welcher Denker wäre nicht subversiv) behaupten, daß Polizisten das Verbrechen verursachen, anstatt es zu verhindern. Hätten wir keine Gesetze – eine unerträgliche Vorstellung wäre niemand dazu verführt, sie zu brechen. Gesetz und Verbrechen erscheinen oft als siamesische Zwillinge. Es gab noch nie und nirgendwo eine Gesetzmacherei, die ihre eigenen Gesetze nicht verletzt hätte. Watergate und Irangate sind banale Beispiele. Allerdings hat Herr Nixon etwas von einem Operetten-Ödipus. Er hatte nicht nur seine Opposition mit den neuesten Abhörwanzen beschnüffeln lassen, sondern aus Versehen auch sich selber. Das war ein Absturz und nicht besonders klug. Seine Konversation, so erfuhren wir, wimmelte von Lügen und nicht druckreifen Unanständigkeiten.

Der Eifer eines Hexenjägers, das ist die Hexe in seinem eigenen Bauch. Dieses verbrecherische Tier, das durch Verdrängung zu einem Monster wächst und sich auf andere projiziert, jagt sozusagen sich selber. Daher das merkwürdige Spektakel einiger höchst anständiger Salzburger, die unter einen Frauenrock glotzen und keinen Schlüpfer sehen, wo einer ist, die allerlei Schminke und barock-goldene Farben gleich in Rot und Blut verwandeln, die „Kopulation“ schreien, wenn mit dem besten Willen keine stattgefunden hat.

Die Kunst darf natürlich nicht alles, und doch tut sie es. Künstler sind von Beruf Hexen. Ihr Auftrag war schon immer, das Verdrängte herauszukitzeln, das Verschwiegene anzusprechen, das Verlogene in Frage zu stellen. „Nicht so, sondern so“ – ist ihr hippokratischer Eid. Ob es nun um einen Apfel von Cézanne oder um die „Jupiter-Symphonie“ geht. Wenn sie diesen Auftrag vergessen oder verraten, werden sie Innenausstatter oder Scharlatane. Sie sind dann kläglicher als der Arzt, der einem Krebskranken Placebos verschreibt, oder ein V-Mann, der sich als Chaot vermummt. Darum werden die Hexen, die nicht aufhören, in der Vergangenheit herumzuwühlen, mit solcher Wut gejagt.

Aber die Jagd, eine Form der Zensur, ist immer selbstzerstörerisch. Wer weiß noch, wer den Euripides verbannte, die Johanna verbrannte, dem Galileo die Instrumente zeigte, dem Grünewald die Finger brach? Das Werk blieb. „The harder you hit a nail, the deeper it goes“ – Je stärker man auf einen Nagel haut, desto tiefer dringt er ein: auch ein Prinzip Hoffnung.

Die Künstler haben ihre Jäger immer mit viel Einfühlung beschrieben. Da ist der Fall eines griechischen Politikers, der das Verbrechen so anstößig fand, daß er nie aufhörte, nachzufragen – bis er erkannte, daß er selber das Verbrechen war. Da stach er sich die Augen aus. Oder der Fall eines dänischen Herrschers: als er erkannte, daß ein guter Herrscher kein guter Mensch sein kann, wurde er verrückt und entschloß sich, ein schlechter Mensch zu werden – und wurde niedergestochen wie eine Sau.

Das schönste Beispiel stammt aus Wien, woher sonst. Da war einmal ein höchst moralischer Gesetzeshüter. Er fühlte seine religiösen Gefühle dauernd bedroht und verletzt. Er versuchte, und zwar mit äußerster Strenge, die Wiener vor allen Obszönitäten zu bewahren. Wie sie so halt sind, hörten die Wiener aber nicht auf, zu singen, zu saufen und zu huren, bis einer von ihnen, ein besonders geiler Bock, zum Tode verurteilt wurde. Als seine Schwester, eine holde Jungfrau, den Politiker um Gnade bat, entpuppte er sich als der geilste aller Wiener Böcke. Ketzer ist der, der das Feuer anzündet, nicht der, der darin verbrennt, meinte der Autor, ein sanfter Pornograph.