München: „Venedig – Malerei des 18. Jahrhunderts“

Venedig könne sich noch immer rühmen, die fähigsten Maler von ganz Italien zu besitzen, urteilte der Kupferstecher und Kunstschriftsteller Charles Nicolas Cochin im Jahre 1758, Maler zudem, die sich mit den besten in ganz Europa messen könnten. Es war die letzte Blütezeit der venezianischen Malerei, kurz vor dem Ende der Republik, die 1797 aufhörte zu existieren – und der Untergang der Serenissima setzte auch den Schlußpunkt hinter diese glanzvolle Epoche der Kunst. Man muß heute nicht mehr beweisen, daß der Zeitgenosse Cochin recht hatte und Jacob Burckhardt, der im „Cicerone“ selbst Giambattista Tiepolo „wuchernde Ausartung“ attestierte, sich geirrt hat. Das Problem ist aber, wie man beim Ausleihestreß der Museen die Stücke zusammenbringt, die den Rang dieser Maler eindrücklich vorführen. Aus der Not, auf Spitzenwerke von Tiepolo oder Piazetta verzichten zu müssen, hat die Ausstellung in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung eine Tugend gemacht: Sie zeigt weniger Bekanntes, zusammengetragen aus den Kirchen Venedigs, den dortigen und anderen italienischen Museen. So zeigen vier der zwölf Aposteldarstellungen, welche die „berühmtesten Maler“ 1722 für die Kirche St. Stae ausführten, die Ausgangssituation am Beginn des Jahrhunderts. Die Arbeiten von Sebastiano Ricci, Giovanni Battista Piazetta, G. B. Pittoni und G. B. Tiepolo (in einer Koje vereinigt) machen den fließenden Übergang vom Spätbarock zum Rokoko deutlich und verweisen mit Nachdruck auf das künstlerische Potential, das sich in der Lagunenstadt zusammenballte. Die Vedute, eine venezianische Spezialität, ist mit typischen, mitunter hervorragenden Gemälden von Canaletto, seinem Neffen Bernardo Bellotto, Michele Marieschi und Francesco Guardi belegt, das Genre mit einer Reihe von Bildern Pietro Longhis, einem Maler des Alltagslebens, dessen besondere Qualität langsam entdeckt wird, das Bildnis mit Miniaturen und einem Pastell von Rosalba Camera, die, wie viele ihrer Malerkollegen auch, immer wieder im Ausland arbeitete. Tiepolos Meisterstück ist in der Würzburger Residenz zu bewundern, Bellottos schönste Ansichten sind in Dresden und in Warschau entstanden – die Venezianer waren im 18. Jahrhundert überall in Europa präsent. (Hypo-Bank bis zum 1. November; Katalog an der Kasse 38 Mark, im Versand durch den Hirmer-Verlag 48 Mark).

Helmut Schneider