Von Hermann Sülberg

Die alltägliche Welt des jungen Paares ist dreieinhalb Meter breit, vier Meter lang, kostet 600 Mark Miete und ist dafür auch gewerblich nutzbar. Das ist üblich in diesen Betonklötzen, steuersparend als Eigentumswohnungen gebaut, gewinnbringend als Einzelzimmer-Appartements vermietet. Solche Gebäude werden oft Nuttensilos genannt.

Im Appartement 312 steht rechts eine Schrankwand, der Fernseher wiederholt die Sendungen vom Vorabend, daneben liegt ein „Bockschein“, allwöchentlich vom örtlichen Gesundheitsamt abgestempelt. In der Schublade liegt eine große Dose Vaseline, eine Tüte mit Feuchtkondomen und eine Gaspistole. Über das aufgeklappte Bett ist eine Leopardendecke geworfen, 70 Prozent Acryl, leicht waschbar, schnell trocknend. Darauf liegt eine junge Frau in ihrer Arbeitskleidung, seidig glänzend und knitterfest. „Ich bin Ilona, die Onanistin“, lächelt der knallrote Mund, vor den Augen hängen schwarze Locken.

Links an der Wand steht ein Tisch, vollbepackt mit Büchern und einem Vogelkäfig, einer Schreibmaschine und einem „Ratgeber für die Berufswahl“. Davor sitzt ein junger Mann mit Goldkettchen um den Hals, einer Rolex-Uhr am Handgelenk, er grüßt mit kräftigem Händedruck und kerniger Stimme: „Ich bin Peter, der Zuhälter.“ Eine Hündin, Mischung aus Schäferhund und Dobermann, läuft durch das Zimmer, sie wird Vampir genannt und fletscht dauernd die Eckzähne. Vor ein paar Monaten warf sie zehn Junge in der Dusche. Sieben davon sind inzwischen verschenkt. „Wir haben sie alle kommen sehen, die waren so süß, mit ihren verklebten Augen robbten sie hilflos durch die Bude, die konnten wir nicht kaputtmachen“, seufzt Ilona. Und so opferten sie den Flokati und zogen alle mit der Flasche groß. Das war gut für die Hunde, aber schlecht für die Nerven. „Unser ganzes Leben spielt sich ja praktisch auf diesen paar Quadratmetern ab, das macht die auch schon ganz fertig“, sagt Peter.

Das Telephon klingelt. Ja bitte“, sagt Ilona freundlich, „ich bin 21 Jahre alt, einmetervierundsechzig groß, wiege fünfzig Kilo, habe blaue Augen, schwarze Haare, BH-Größe achtzig, trage Reizwäsche, vorher französisch und dann Verkehr für hundert Mark, wir sind geöffnet von elf Uhr morgens bis zehn Uhr abends, auch sonntags.“ An geschäftigen Tagen, wenn gleichzeitig im Wochenkurier und im Lokalblatt eine Anzeige erscheint, rufen bis zu 30, 40 Leute an, sieben bis zehn kommen vorbei.

Dann bricht Hektik aus im Appartement 312. Peter packt seine Bücher und die Schreibmaschine in die Schrankwand, sammelt die Hunde ein, während sich Ilona nachschminkt und die Lampe mit der roten Glühbirne anknipst. Peter sitzt dann auf dem Klo, versucht die Hunde still zu halten und ansonsten nichts zu hören. Nur wenn Ilona um Hilfe schreit, will er sofort zur Stelle sein, bewaffnet mit Vampirs Eckzähnen und einer zweiten Gaspistole. Aber die meisten Freier gehen gleich wieder: „Die sagen dann, nee, du bist nicht mein Typ, kann ja vorkommen, oder sie wollen sich bloß informieren, oder es ist ihnen zu teuer. Es kann passieren, daß zwei Wochen lang überhaupt nichts läuft“, klagt Ilona, „denn es gibt immer mehr junge Mädchen, denen nichts anderes mehr einfällt, als sich ihren Lebensunterhalt so zu verdienen.“ Und wenn mal ein Freier bleibt, dann freuen sich hauptsächlich die Hunde. Denn dann wird als erstes eine große Dose Hundefutter gekauft.

Es war einmal, gerade drei Jahre ist es her, Liebe auf den ersten Blick. Sie verstanden sich auf Anhieb, ihre Lebensläufe zeigten gewisse Parallelen. Beide waren ziemlich allein von ihren Müttern aufgezogen worden, hatten ihren Hauptschulabschluß gemacht und anschließend, trotz vielfacher Versuche, keine Lehrstelle gefunden. Beide waren nicht besonders wählerisch, sie hätte sich mit Friseuse abfinden können, er hatte die mittlere Reife absolviert, aber auch dafür beim Arbeitsamt immer nur ein Schulterzucken geerntet. So jobbten sie mal hier und mal dort.