„Lieber Herr“, so hat Friedhelm Meisen, Gastwirt in Gummersbach-Rebbelroth, an Franz Josef Strauß geschrieben, „mit Ihrer Kritik an der Chile-Reise unseres Arbeitsministers Norbert Blüm im einzelnen und unserem Außenminister Genscher im besonderen rücken Sie in die Nähe von menschenverachtendem, engstirnigem Denken. Ich möchte Sie bitten, wenn Sie einmal in Gummersbach verweilen, mein Lokal nicht zu betreten.“ Meisen, der sich selber einen sozial-liberalen Christdemokraten nennt, hat seinen Offenen Brief als Inserat im Kölner Stadt-Anzeiger unter die Leute gebracht.

Volkes Stimme? Das klingt danach. Jedenfalls kann sich Norbert Blüm, zur Sondersitzung der Bundestagsausschüsse für Äußeres und Inneres über den Chile-Streit aus Südamerika zurückgekehrt, auch in die weit über 1000 Briefe und Telegramme vertiefen, die in den letzten Tagen in seinem Ministerium eingegangen sind. Hinzu kam eine Flut von Anrufen. Vier Fünftel der schriftlichen und telephonischen Kommentare, aus so gut wie allen politischen Lagern, stimmten dem Minister zu: endlich ein Mann, der hinsteht, ohne Wenn und Aber! Kein Einerseits und Andererseits, kein Hintertürchen. Glaubwürdigkeit war das Stichwort, das die meisten gebrauchten. Sie müssen die chilenischen Auftritte des Norbert Blüm wie eine Befreiung empfunden haben – und nicht nur sie. Wie schrieb sogar die Passauer Neue Presse, die in der Regel stramm auf CSU-Kurs liegt? „Es ist ermutigend, daß wir noch Politiker haben, die wie Blüm mit dem Herzen reden. Gelackte Karrieristen haben wir genug.“

So beschämend und ärgerlich die Chile-Affäre für nicht wenige ist, einigen bereitet sie sozusagen die reine Freude. In ihrem Windschatten läßt sich der Besuch Erich Honeckers gut vorbereiten. In dieser Woche sind die sogenannten advance parties zusammen und unterwegs gewesen, wie die Vorauskommandos im diplomatischen Fachjargon heißen. Jeder Schritt, den der Gast vom 7. bis zum 11. September in Bonn, Düsseldorf, Essen, Trier, Wiebelskirchen, Saarbrücken, München und Dachau tun wird, ist technisch und protokollarisch besprochen worden. Die DDR war mit einem Dutzend Fachleuten vertreten. Und daß der Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär als, auch das Fachjargon, „hochgefährdete Person“ gilt, versteht sich von selbst.

Von dem chilenischen Windschatten profitieren auch die politischen Präparatoren. Neben dem Umweltabkommen wird bei der Visite auch eine Vereinbarung über gegenseitige Informationen zur Reaktorsicherheit und wahrscheinlich ebenso über die wissenschaftlichtechnische Zusammenarbeit unterschriftsreif sein. Vor allem aber: Kontroverse Diskussionen über den Besuch, die beim letzten Anlauf vor drei Jahren bis zum Rüpelspiel gediehen, sind bisher ausgeblieben. Der Stoßseufzer aus dem Kanzleramt ist förmlich zu hören.

Inzwischen hat das Bonner Sommertheater auch eine Nebenbühne aufgeschlagen. Der nordrhein-westfälische Stadtentwicklungsminister Christoph Zöpel und der Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes (beide SPD) legen sich, aus Gründen des Denkmalschutzes, bei Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) gegen den Abriß des alten und den Bau eines neuen Plenarsaales quer. Inwieweit sie wirklich als Genehmigungsinstanzen zuständig sind, ob das Parlament nicht vielmehr sein eigener Herr ist, das ist einigermaßen umstritten: viele Juristen, noch mehr Meinungen.

Zöpel und Antwerpes zwinkern denn auch anscheinend mit den Augen: Sofern er nicht doch noch eine sogenannte baukonservatorische Lösung erwägen wolle, legen sie Jenninger eine „Lex Bundestag“ nahe, die sie von ihren Zuständigkeiten befreien würde.

Indes, nach einer jahrelangen und sehr gegensätzlichen Debatte, in der die Denkmalaspekte nicht zu kurz kamen und die Fronten quer durch die Fraktionen liefen, hat das Parlament Anfang Juni mit großer Mehrheit den Neubau beschlossen. Vorhang zu – und dennoch alle Fragen weiter offen? Im Endeffekt steht der Bundestag vor der Frage, entweder zu seiner Mehrheit zu stehen oder eine ziemlich lächerliche Hintertür zu benutzen.

Carl-Christian Kaiser