Mit dem grellen Allotria beliebter Amüsier-Stories, in denen Kindern ein Bär aufgebunden wird, hat das neueste Bilderbuch der beiden Schweizer Jörg Müller und Jörg Steiner wahrhaftig nichts gemein. Es geht um Bären in Gefangenschaft: Bären im berühmten Bärengraben bei der Nydeggbrücke in Bern.

Und wie es im Anfang der Erzählung heißt, ist es weniger eine Bären- als eine Menschen-Geschichte: Kauziger Held ist ein ziemlich alter Mann; früher war er Oberturner im Turnverein. Der einzige Glanzpunkt im tristen Rentner-Alltag sind seine Zoo-Besuche. Er füttert die Bären, unterhält sie, bringt ihnen Possierliches bei: Tanzschrittchen, Purzelbäume, Bittschön, harmlose Dressurstückchen.

Tagaus, mein trägt der Mann den gelb verschlissenen Trenchcoat, den karierten Schal, die dunkle Aktentasche, vollgestopft mit kleingeschnitzelten Karotten aus dem Supermarkt.

Die Bären kriegen die Möhren, der alte Mann kriegt den Beifall der Zoo-Besucher. Manchmal, nicht immer. Er lebt für die kleinen Auftritte, die Lacher, die Aufmerksamkeit, den Applaus. Jörg Müller gibt ein genaues Bild des Alten. Wer sein karges Zimmer gesehen hat, weiß alles über ihn: klobige Zweckmöbel, marmoriertes Linoleum, abgewetzter Plüsch, Gummibaum, Fernseher, die Kleidung mit Sorgfalt und Schonung zur Nacht auf einen Bügel gebreitet. Es ist die fast furchtsame Ordnung eines Vereinsamten, dessen Leben pedantisch von den kleinen Alltagsritualen beherrscht wird. Alles hat seinen festen Platz im Leben des alten Mannes. Besonders die Bären. Ohne sie wäre der Tag des Mannes ein graues, verzweifeltes Stundenzählen.

Tristesse und Öde eines Bärenlebens in Gefangenschaft beschreibt Müller minutiös im schmuddeligen, stumpfen Graugelb: Das kahle, mittelalterlich finster anmutende Steinverlies der Bären wird in kühnen Perspektiven vorgestellt: mal aus der Blickrichtung der gaffenden Menschen, mal folgt Müller den Blicken der Bären, die träge, neugierig oder bettelnd zu den Besuchern hochstarren.

Müller bleibt seiner Manier des Malens treu: einer Präzision ohne Kälte, einem Realismus, dem nichts penibel Fotokopistisches anhaftet. Wer diese Bärenzeichnungen vergleicht mit den Illustrationen zum „Bär, der ein Bär bleiben wollte“, entdeckt, um wieviel nuancierter, reicher, genauer Formen und Farb-Gestik des Schweizer Künstlers geworden sind.

Die Geschichte des alten Mannes, dessen monotones, beinahe zu Ende gelebtes Leben durch einen dramatischen Zwischenfall am Bärengraben plötzliche Veränderung, sogar Bedeutung erfährt, wird behutsam, geradezu bedächtig erzählt. Und weil Kinder, wie Benjamin einmal angemerkt hat, für den „entlegenen Ernst“, wenn er nur aufrichtig kommt, einen „genauen Sinn“ haben, prägen sich Bilder und Erzählung in ihrer spröden Geste um so deutlicher ein.