In Panama geht der Mittelstand gegen die Militärdiktatur auf die Straße. Doch Manuel Noriega, den starken Mann am Kanal, lassen die Proteste kalt.

In manche Anzüge der Väter wachsen die Söhne nie hinein, und das scheint für Panamas starken Mann, den General der Nationalgarde, Manuel Antonio Noriega, immer ein Problem gewesen zu sein. Sein „Vater“ Torrijos war ein begnadeter Populist und populärer Putschist, der dreizehn Jahre lang, bis zu seinem immer noch rätselhaften Tod 1981, die Kanalrepublik beherrschte – nicht immer unangefochten, „Sohn“ Noriega mußte ihm einmal die Rückkehr erkämpfen – und dezent ausplünderte.

Seit Wochen protestiert nun der panamesische Mittelstand gegen den untersetzten Mann mit dem narbigen Gesicht, zunehmend offen von den Vereinigten Staaten unterstützt, die den Panama-Kanal im Jahr 2000 einer demokratischen Republik Panama übergeben wollen.

Doch Noriega ist nicht der Mann, sich von Protesten einschüchtern zu lassen. Er hat Stehvermögen. Oder anders: Schon viele haben sich in ihm getäuscht. Er wirkt langsam, schwerfällig, intellektuell oft überfordert. Sein Ruf könnte schlechter nicht sein. Er ist Mitglied einer obskuren Sekte, Liebhaber sehr zweifelhafter Genüsse, Berufsmilitär, in Peru an einer Militärakademie ausgebildet, ohne politischen Gestaltungswillen, ein Mann ohne Nerven.

Hinter der Maske brutaler Dümmlichkeit verbergen sich Verschlagenheit und ein Gedächtnis, das Kränkungen nicht vergißt. Fast 13 Jahre war er Chef des militärischen Geheimdienstes, und das dort erworbene Wissen nutzte er zäh, um an die Spitze der Macht zu gelangen – seine Feinde behaupten außerdem, es klebe Blut an seinen Händen.

Seine Taktik ist so primitiv wie erfolgreich: absichern. Mit dem stillschweigenden Segen der Amerikaner wurde er vor vier Jahren Oberkommandierender – und bezeichnet sich seitdem als Freund Fidel Castros. Die 19 Militärs des obersten Rates haben sich bereichert, und er besitzt die Belege dafür. Als sein Stellvertreter ihn öffentlich des Wahlbetruges, des Mordes und der Korruption bezichtigte, wartete Noriega fast acht Wochen und ließ ihn dann verhaften – am nächsten Tag widerrief der Inhaftierte. Die Vereinigten Staaten sperrten Kredite – seitdem wird wieder Yankee go home auf den Straßen skandiert.

Es gibt eine Anekdote, die seine ganze politische Taktik enthält. Ein kubanischer Reporter wollte ein Interview und bekam es unter der Bedingung, daß er nachfrage, ob die CIA in den Tod von Torrijos verwickelt sei. Der Reporter stellte die Frage, und Noriega antwortete mit mestizischer Undurchschaubarkeit: „Kein Kommentar.“

So kann man sich an der Macht halten; die wirtschaftlichen Probleme kann man so nicht lösen. Der Mittelstand hat Position gegen Noriega bezogen, die große Masse der Armen schweigt. Die Regierung – oder das Militär – hat für sie nichts getan, aber vom Mittelstand erwarten sie auch nichts anderes. Torrijos konnte sie (in Grenzen) begeistern, dem „Sohn“ traut man alles zu und glaubt ihm gar nichts. Noriega sichert sich bereits ab: Das demokratische Costa Rica hat sich auf die Seite der Opposition gestellt; Nicaragua und Mexiko unterstützen den starken Mann. Sie haben ihre Gründe: Über Panama wird das amerikanische Embargo gegen Nicaragua unterlaufen (sehr lukrativ) und Mexiko mag nun mal die Amerikaner nicht. -bi