ARD, 1. August, "Heute Abend in Bejing"

Es war der Handel, der in den Theorien und Träumen der jungen bürgerlichen Gesellschaft für Frieden sorgen sollte. Er wurde überschätzt, war nicht hinreichend, nur notwendig, doch letzteres ist er geblieben. Nichts beruhigt die Nerven der Öffentlichkeit so nachhaltig wie lebhafter Warentausch zwischen gegnerischen Staaten. Wer schlägt schon seinen Kunden oder reizt seinen Gläubiger.

Unser Medienzeitalter hat den Kaufleuten, Botschaftern und Spionen eine neue Macht zur Seite gestellt: das Fernsehen. Die Internationale Co-Produktion, das blockübergreifende Geflimmer, verbürgt seit neuerem zusätzliche Entspannung: Annäherung per Elektronik.

Da hatten wir nun die erste deutschchinesische Fernsehproduktion, ein bunter Abend mit Tanz, Gesang und Akrobatik, abwechselnd chinesisch und deutsch, und eine doppelte Conference, zwei Mädchen, zwei Sprachen. Das Ganze wurde im großen Pekinger Chinatheater vor Publikum aufgezeichnet; erwünscht ist ein Gegenbesuch der Chinesen in Köln. Angesichts des diplomatischen Gewichts einer solchen Unternehmung, die den Kohl-Besuch sozusagen televisionär komplettiert hat, kommt sich die Fernseh-Kritikerin mit ihren gewohnten Maßstäben etwas stur vor; wo die Begrüßung gleich einem ganzen Land ("Guten Abend, Deutschland") gilt, wo der Wiener Walzer über den Platz des Himmlischen Friedens tauscht und Udo Jürgens Chinesisch spricht, da wird das fällige Genörgel am Show-Wert durch den Respekt vor soviel Völkerverständigung weggeplättet. Bei "Eisbein mit Pekingente" (Désirée Nosbusch) bleibt einem der Mund offen.

Halten wir uns also an den Rahmen: den der Anerkennung für die Tele-Diplomatie, und mäkeln wir mit der Vorsicht, die dem Lande gebührt, das die Porzellan-Kiste erfand. Chinesische Artisten konnte, wer wollte, jüngst schon im Programm von André Heller sehen; was soll man sagen? Sie sind einfach phantastisch. Ganz wie die Peking-Oper (es gab Ausschnitte) und die jugendlichen Tänzer und Kampfsportlerinnen und die Artistin, die zwei Sonnenschirme hochkant auf ihren Füßen balanciert. Das Jazz tanzende Kinderballett und die chinesische Blues-Sängerin erzeugen dann schon Schwirr-Effekte und lassen den Kulturimperialismus fürchten, der unweigerlich im Reich der Mitte Fast-Food-Buden an Tempelmauern kleben wird. Aber wir wissen längst, daß das der Preis der Öffnung und des Austausches ist und haben doch auch die in Asien herrschende USA- und Eurozentrik schon ausführlich bedauert. Eins immerhin tröstet: weder Alpenhorn noch Jodlerklang, die im China-Theater zu hören waren, färben die chinesische Moderne, sondern der Jazz, der die Weltweite seines Einflusses verdient. Die deutschen Gruppen – darunter die Tanzformation Rot-Weiß aus Düsseldorf und die Turnclowns Los Barlos – legten Ehre ein, und Uduo Yuergensi, auf chinesisch, riß das Publikum zu stürmischer Begeisterung hin.

Dieses Publikum hatte seine eigene Art. Ab und an gab die Kamera ihm die Ehre: Da sah man Gesichter, gespannt, amüsiert, ernsthaft, aber nie von jener professionellen Vergnügtheit, wie sie hierzulande bei lustigen TV-Sendungen Pflicht ist. Gegen Ende sang die schöne Cheng Fangyan ein chinesisches Volkslied; Udo Jürgens stimmte ein und forderte auch das Publikum zum Mitsingen auf. Aber das blieb zurückhaltend. Vielleicht wissen die Chinesen, daß Diplomatie nur mit Distanz funktioniert

Barbara Sichtermann