Von Roger Berthoud

In London zu leben bringt vielerlei Vergnügen; nicht das geringste darunter ist, es hinter sich zu lassen. Gut, Londoner sind weit weniger aggressiv als New Yorker oder Pariser. Doch der Verkehr wird schlimmer, ebenso der Abfall. Im Sommer ist das Zentrum der Stadt verstopft mit träge dahinschleichenden Touristen. Zum Wahnsinnigwerden. Wenn man in Eile ist, kann man zuviel kriegen.

Wir leben im lauschig belaubten Hampstead, in Londons Nordwesten. Wir könnten uns glücklich preisen. Doch gerade heute morgen um halb sieben hat man vor dem Pub 50 Meter weiter polternd Bierfässer abgeladen. Hampstead, das Dorf, ist zu einem Verkehrsengpaß geworden, seine Läden werden zunehmend von Restaurants und teuren Boutiquen verdrängt, den einzigen Etablissements, die sich die Mieten und Steuern hier noch leisten können.

Dem Problem der lächerlich hohen Preise für Londoner Anwesen kann man dadurch begegnen, daß man seines verkauft, aufs Land zieht und dabei noch einen schönen Schnitt macht. Oder man erwirbt ein Landhäuschen fürs Wochenende und die Ferien, was viele tun. Bislang widerstehen wir beidem. Das eine ist ein Glücksspiel: Würden uns die bäuerlichen Einheimischen freundlich gesinnt sein? Würden wir uns abgeschnitten fühlen und Londons gesellschaftliches und kulturelles Leben vermissen? Das andere bedingt ein teures Doppelleben.

Und so bemühen wir uns weiter in die Metropole, erfreuen uns ihrer zahlreichen Annehmlichkeiten und machen uns gelegentlich zu einem Wochenende bei Freunden auf in den Norden, Süden, Osten und Westen der Hauptstadt. Erst neulich mußten wir dabei feststellen, daß eine der größten Freuden Londons, nämlich wirklich gute Musik, immer häufiger im Herzen des flachen Landes anzutreffen ist. Kurz, Herrenhäuser erleben einen Musikboom.

Als eine Form privater Unterhaltung haben solche Genüsse lange Tradition. Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert war es für Herren sehr großer Häuser gang und gäbe, sich fest angestellte Musikanten zum Frommen ihrer Gäste zu halten. Im 19. Jahrhundert begann der Niedergang der intimeren Formen der Musik, als sich das Interesse Symphonien, Opern und größeren Chorwerken in den Städten zuwandte. Für die Viktorianer war schon schiere Größe ein Quell der Erregung.

Erst zu Beginn der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts entdeckte man das kleine öffentliche Konzert in großen Privathäusern oder solchen, die dem National Trust gehörten, als Einnahmequelle und positiven Werbeträger. Das Auftreten kommerzieller Kunstsponsoren Ende der siebziger Jahre löste große Aktivitäten aus. Der National Trust organisiert mittlerweile über hundert Konzerte pro Jahr, und wahrscheinlich findet noch einmal die gleiche Anzahl in Eigenheimen statt, die man mehr oder weniger als „herrschaftlich“ bezeichnen kann. Einige davon werden vom alljährlichen „Stately Homes Music Festival“ (Musikfestival der Herrenhäuser) organisiert. Kammermusik ist die dominierende Kost, aber auch Instrumental- und Gesangssolisten sind verbreitet. Je nach Größe des Hauses treten auch größere Ensembles – Orchester oder Chöre – auf. Die Kammeroper findet viele Freunde.