Von Barbara Ungeheuer

Auf dem Hof der Volksschule "PS 41" in Greenwich Village spielt eine Gruppe von acht- bis neunjährigen Kindern Fangen. Sie haben dem alten Spiel einen neuen Namen gegeben. Sie nennen es Aids. Wenn ein Kind angetippt wird, hat es so lange Aids, bis es ein anderes fängt. In der Praxis der Internistin Joyce Wallace, ein paar Straßen weiter, liegt der Formbrief auf dem Schreibtisch, den sie an die Mütter ihrer an Aids gestorbenen Patienten schickt. "Hunderte sind es schon", sagt sie. Und in der Kapelle der episkopalischen St.-Lukas-Gemeinde beenden die Kinder ihre Andacht mit der Bitte um ein Heilmittel für Aids. Viele Freunde ihrer Eltern sind in den letzten Monaten daran gestorben.

In keinem anderen New Yorker Stadtteil sind die Auswirkungen der unheilbaren Krankheit so eklatant in das Leben seiner Bewohner gerückt wie im Greenwich Village. In dieser wohlhabenden, seit eh und je von Künstlern, von Literaten und Galeristen bevorzugten Wohngegend auf Manhattans Westside wächst die Totenliste. Von den insgesamt 10 000 Aids-Kranken sind über 700 im Village registriert, so viele wie in ganz Großbritannien. Über die Hälfte dieser Aids-Patienten sind gestorben, meistens waren es Männer, viele von ihnen jung. Zu den Überlebenden dieser Gemeinde gehören Legionen der "worried well", der verängstigten Gesunden, die fürchten, daß auch sie das Virus in sich tragen. Nach Schätzungen ist jeder vierte Village-Bewohner homosexuell.

Hier hat die Epidemie bereits ein anderes Stadium erreicht. Die Uhr der Inkubationszeit läuft ab. Täglich werden in den schon überfüllten Hospitälern weitere Ausbrüche der tödlichen Krankheit diagnostiziert. Und wenn jetzt mehrmals am Tag die Krankenwagen durch ihre so schmucken Straßen heulen, dann wissen die meisten der 61 000 Village-Bewohner, was los ist: ein neuer Fall für die Intensivstation. So überfordert sind die Gemeindehospitäler, daß die Stadt dieser Tage im Village ihr erstes Pflegeheim für Aidskranke eröffnet – ganz ohne Opposition aus der Nachbarschaft. Denn hier kann sich niemand mehr von den Symptomen des Syndroms abkapseln. Das Leiden und das Sterben trifft sie alle.

"Zwanzig Freunde haben meine Frau und ich in den letzten Jahren an diese Krankheit verloren, zehn weitere sind krank", sagt der Kunstkritiker Robert Rosenbloom. "Das ist überwältigend in einer so winzigen Welt wie der unsrigen. Es ist grausig, ständig von der Gegenwart in die Vergangenheit zu schalten, sich erinnern zu müssen, wer gestorben ist und wer im Sterben liegt." Ein im Village praktizierender Psychotherapeut nennt es "bereavement overload" – eine Überbelastung durch schmerzlichen Verlust. Noch trauert man um einen Freund, schon schlägt einem die nächste Todesnachricht ins Gesicht, sagt er, der elf Monate lang seinen aidskranken Bruder in der eigenen Wohnung bis ans Ende gepflegt hat.

"Deine ganze Seele ist vom Tod durchtränkt", sagt Emmet Foster, der Assistent von Joseph Papp am "Public Theater". Er spricht vom gegenwärtigen Zustand in der New Yorker Kunstgemeinde, die Schlag um Schlag ihre Koryphäen wie auch viele junge Talente an Aids verliert. Broadways genialer Show-Macher Michael Bennet ("Chorusline") ist im Alter von 44 Jahren im Mai gestorben. Die Gedenkfeier für "den witzigsten Mann New Yorks", den Gründer der "Ridiculous Theatrical Company", Charles Ludlam, fand vor kurzem in einem der Häuser am Broadway statt. Beverly Sills, Direktorin der "New York City Opera", verlor im letzten Jahr allein zwei Dutzend ihrer Mitarbeiter, und beim Verband der Musiker steht die Todeszahl bei 50.

Aber gerade in diesen beiden so schlimm getroffenen Kommunen wachsen die Privatinitiativen und der Einsatzwille, das Leiden zu mildern, wie auch der Epidemie Einhalt zu gebieten. Das mit dieser Krankheit so lange verbundene Stigma hat seinen Stachel verloren. Selbst das Künstlervolk, bisher strenger Hüter seiner Privatsphäre, hat die Flucht nach vorne angetreten. Dem guten Beispiel Elizabeth Taylors folgend, die nach dem Tod von Rock Hudson im Herbst 1985 die Leitung der Stiftung für Aids-Forschung übernahm, stellen jetzt auch viele New Yorker Künstler ihre Zeit und ihre Talente zur Verfügung. 60 Galerien zeigen gerade die Werke von 400 Malern und Bildhauern, deren Verkaufserlös der Forschung zugute kommen soll. Für den Herbst sind mehrere Gala-Vorstellungen der Ballett-Tänzer und der klassischen Musiker geplant. Auch unter den freiwilligen Betreuergruppen von Aidspatienten sind nun Autoren und Schauspielerinnen anzutreffen. Die Trauer um verlorene Freunde hat die Angst vor der Ansteckung verdrängt.