Im Oktober soll der neue Balbina-Stausee nördlich von Manaus im brasilianischen Amazonas-Gebiet geflutet werden. Wer das Wort "Balbina-Stausee" nie gehört, wem dieses Jahrhundertprojekt in der Flut der Jahrhundertprojekte entgangen ist, mag sich durch ein paar Zahlen von dessen Bedeutung überzeugen lassen: 21 Kilometer lang und fast 30 Meter hoch ist die Staumauer, die bereits, allen Schwierigkeiten zum Trotz, durch den Regenwald gezogen wurde.

Sie wird einen kleinen Nebenfluß des Amazonas zu einem riesigen See aufstauen. Offizielle Stellen rechnen mit einer Wasserfläche von 2360 Quadratkilometern, das entspricht etwa der Größe des Saarlandes. Unabhängige Schätzungen erwarten einen See von etwa 4000 Quadratkilometern – in jedem Falle weit mehr als die hundertfache Fläche der Edertalsperre. Dabei übersteigt die Stromleistung mit 250 Megawatt die der Edertalsperre nicht, denn der aufgestaute Uatuama ist ein kleines Flüßchen, und das natürliche Gefälle ist minimal. Am Rande sei erwähnt, daß Manaus den zusätzlichen Strom nicht benötigt.

Nachträglich ist es schwer, den Entscheidungsprozeß zugunsten des Riesensees weit von Manaus zu rekonstruieren. Ökologische Unvernunft, geschäftliche Interessen und Korruption scheinen unentwirrbar und weitgehend unsichtbar zusammengewirkt zu haben. Nicht zum Ärger der brasilianischen Behörden: Seit langem ist es erklärte Politik, den menschenleeren Norden zu besiedeln und durch Ausbeutung der reichlichen Bodenschätze ein Gegengewicht zum dominierenden Süden zu schaffen – ungeachtet des Preises.

Der Regenwald des Staugebietes ist nicht abgeholzt worden, so daß die aus dem flachen Wasser ragenden Urwaldriesen von unten her verfaulen werden: ein flächendeckender Schlag der Zivilisation gegen die Wildnis. Die Versauerung des Sees könnte die Turbinen schnell zerstören, wie die Erfahrung mit einem anderen brasilianischen Wasserkraftwerk zeigt. Die faulenden Pflanzen und Tiere werden das Wasser in eine brackige, stinkende Brühe verwandeln, die in keiner Weise menschlich nutzbar sein wird: auch dies wäre kein Novum für Brasilien. Der stark schwankende Wasserstand wird eine breite Uferzone giftig verschlammen und kaum betretbar machen.

Doch nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt wird vernichtet. Die 380 Indianer vom Stamm der Waimiri-Atroari, die die Massaker und Epidemien der Vergangenheit überlebt haben, beanspruchen für ihr Leben ein Gebiet von doppelter Seefläche, darunter einen Teil des zu flutenden Areals. Was aus ihnen werden soll, weiß niemand. Offiziell genießen sie Gesetzesschutz; aber der hat ihnen noch nie genützt, wenn sie industrielle Projekte zu behindern drohten. Eine riesige Zinnmine im Ostteil des Indianergebietes hat zwar bereits einen Fluß und dessen Anwohner vergiftet, doch der See wird wohl effektiver sein: ein Großteil der Fische wird sterben. Außerdem ist zu erwarten, daß Infektionskrankheiten wie Malaria und Bilharziose, denen durch den See neue Brutstätten geschaffen werden, sich ohne jede Kontrollmöglichkeit unter den Indianern ausbreiten werden.

Die Weltbank hat das katastrophale Projekt mit deutscher Stimme erst ermöglicht. Und weitere Projekte sind geplant, darunter ein Stausee im Gebiet der Xingu-Indianer. "Gott ist Brasilianer", heißt es im Lande, und von diesem Optimismus beflügelt schreitet die Zerstörung des Urwalds voran. Franz Mechsner