Von Herbert Schäfer

Der neue Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) hat sich vermutlich etwas zu früh gefreut, als er Ende Juli ankündigte, die fünftausend Tonnen radioaktiv verstrahlte Molke könnten bald in einem hessischen Milchwerk entsorgt werden. Denn der Minister, der das Molkeproblem von Walter Wallmann (CDU) erbte, kommt in Bedrängnis, weil er seinem Vorgänger das Pulver nun ins Hessische nachschickte, wo der inzwischen Ministerpräsident ist. In dem kleinen Ort Hungen soll die Molke von den Strahlen befreit werden. Doch dort herrscht helle Empörung.

Aber auch Wallmann hatte sich schon verkalkuliert. Bonns erster Umweltminister ließ das ungeliebte Pulver, das der bayerische Käseproduzent Meggle in Wasserburg am Inn nach Norddeutschland verkauft hatte, zunächst hilflos auf einem Bundeswehrgelände abstellen – angeblich nur für drei Monate. Inzwischen ist doppelt soviel Zeit verstrichen. Die Lagerung der Tschernobyl-Altlast kostet den Steuerzahler pro Tag mehr als 4000 Mark, der Schutz der Waggons vor Diebstahl und Sabotage, den eine private Wach- und Schließgesellschaft rund um die Uhr übernommen hat, monatlich weitere 80 000 Mark.

Töpfers Annahme, er brauche nicht mit Schwierigkeiten zu rechnen, wenn er das Pulver von dem radioaktiven Cäsium reinigen lasse, erwies sich als Fehlschluß. Er handelte sich nur neuen Ärger ein. Das war schon abzusehen, als seine Beamten monatelang mit führenden Molkereien um den Regierungsauftrag pokerten. Die Firmen hatten extreme Preise gefordert, bestätigt Töpfers Pressesprecherin Marlene Muhe. Jedenfalls gaben nacheinander zehn Unternehmen dem Ministerium einen Korb, weil sie um ihren Ruf fürchteten und Angst vor einem Verbraucherboykott hatten.

Nur die Stuttgarter Intermilch-Gruppe, eine Arbeitsgemeinschaft von sieben Molkereien, erklärte sich schließlich bereit, das heikle Geschäft für zehn bis dreizehn Millionen Mark zu erledigen. Die schwäbischen Verhandlungspartner merkten aber erst später, daß ihnen die Molke neben sattem Gewinn auch eine Menge Scherereien bringt: Denn sofort regte sich zorniger Verbraucherprotest, der in öffentlichen Aufrufen gipfelte, die Produkte sämtlicher Firmen dieser Gruppe zu boykottieren. Intermilch-Direktor Rudolf Hoffmann findet dieses alles „äußerst unfair“. Zumindest die sechs Molkereien der Gruppe in Baden-Württemberg hätten „mit der Sache gar nichts zu tun“. Eigentlich gehe es doch nur um die Nummer sieben im Bunde, das Milchwerk Moha im südhessischen Hungen.

Die Moha ist das erklärte Sorgenkind der Stuttgarter Gruppe. Ein großer Teil ihrer 150 Arbeitsplätze ist gefährdet, seit der jährliche Milchumschlag um mehr als ein Drittel zurückging. Die Schwierigkeiten der Moha sind aber auch hausgemacht. Probleme bekam der Betrieb zum Beispiel, als er im vorigen Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl den verängstigten Eltern für ihre Kinder tonnenweise Milchpulver aus alten EG-Beständen offerierte. Die Nachfrage war groß. Das Pulver erwies sich auch als strahlenfrei, dafür war es aber mit Salmonellen verseucht. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, und die Firma kam bundesweit ins Gerede.

Da winkte der Bonner Auftrag für die Intermilch gerade zur rechten Zeit. Zumindest 25 Arbeitsplätze der angeschlagenen Moha, so kalkulierte das Management, könnten damit für die nächsten zwei Jahre gerettet werden. So lange würde es etwa dauern, das radioaktive Cäsium 134 und 137 aus dem mit bis zu 8 000 Becquerel pro Kilo belasteten Molkepulver auszuwaschen – zehn bis zwanzig Tonnen pro Tag.