etwa 25 fische einen totenschädel im bauch tragend, sprühte ich 7 tage lang auf Venedigs zerfallene mauern, warnende signale alle, nicht minder wie die fische, die ich längs des rheines mache, aber nicht auf die uns bekannte drohende gefahr will ich hinweisen, viel mehr auf eine wenig bekannte aesthetik. und diese findet man in keinem kunstführer. – Umgang mit tradierter kunst bedeutet immer auch Umgang mit mehr oder minder gesicherten werten, der tizian in der frankirche, die tintorettos in der scuoala die san rocco respektieren wir schon deshalb, weil es sich um werke der kunstgeschichte handelt, mir kommen diese bilder jedoch wie reklame für Seligkeit oder strafe vor, die nach dem leben kommen soll, das repräsentieren einer geistlichen macht ist heute irrelevant geworden, auch die den werken zugrundeliegende aesthetik ist längst historisch: effektvolle dramaturgie der bewegungen, der licht/schattenverteilungen entpuppten sich letztlich als Selbstzweck und imponiergehabe.

wieviel authentischer, wieviel glaubwürdiger zeigen sich die unzähligen mauern und gemäuer Venedigs die NICHTS versprechen! ein leben, das sich manifestiert einfach indem es ist. solche mauern mit zerbröckelndem mörtel sah schon albrecht dürer. nicht anders als wir heute, in dem in Venedig gemalten bild „maria mit dem zeisig“ von 1506 (heute in berlin) hat er sogar von der aesthetik des Zerfalls gebrauch gemacht, indem er ebensolches gemäuer malte, ich kann die grazile architektur längs des canal grande bewundern, doch die mauern ergreifen mich viel tiefer, wir schweizer, wir teutonen haben ein gestörtes Verhältnis zum leben, die Ordnung, der perfektionswahn ist zwanghaft, sie beherrschen selbst unseren Schönheitssinn, in cannaregio und überall kann man sehen, wie die venezianer mit farbe, wie sie mit ihrem lebensraum umgehen, wie sie seine aesthetik schaffen um die sie manch professioneller künstler neiden könnte, da hat jemand einen rest Farbe auf eine holzfür gestrichen, ein blau, ein rot, das ist egal, die türe ist nur zur hälfte bemalt, doch bleibt alles so wie es ist. das nichtvollenden hat eine ähnliche poesie wie das sich wiederauflösen.

die graffiti in Venedig sind eine gestische kunst, ein „action painting“ ihrer bürger. eine parole ist angebracht, über marmor, mörtel, stein oder verputz, nun kommt der nächste, der nimmt einen pinsel zur band und kleckst mit einer beliebigen farbe darüber, man soll nicht mehr lesen können, was eben geschrieben oder gezeichnet war, das genügt, unter der tünche kommen die buchstaben zum teil wieder hervor, wir hätten eine fassadenreinigung veranstaltet.

ich machte also fische, einen genau vis à vis des pallazo pesaro, einem ausstellungsraum der bienale am canal grande. dort wird er gewiß lange bleiben, ebenso der fisch am ospedale an der fodamento nuovo. ein fisch mit totenkopf an einem krankenhaus, das ist stimmig, aus dem wasser steigt ein penetranter geruch von kohlrabi, es ist tot die chemische Industrie legt ihre quittung vor.