Von Bernhard Wördehoff

Nun lagert sich auch auf jenen Photos sachte Archivstaub ab, die unseren Kanzler in Tibet mit einer Gebetsmühle zeigen oder seine Faszination in Nepal ob der dort ganz anderen Bräuche bekunden. Ein Grabmal des Unbekannten Soldaten gibt es freilich auch in Katmandu, haben wir anläßlich dieser Kanzlerreise erfahren und unsere Melancholie bestätigt gefunden, daß der anonyme Tod des kleinen Mannes global ist.

Aber nun haben unsere Reporter, die Bonns Staatsmänner begleiten müssen, ihre verdiente Sommerpause – abgesehen von denen, die mit dem Außenminister unterwegs sind: Nach Malente, New York und anderen Brennpunkten des Weltgeschehens. Bei Genschers Blitzreisen sind jedoch keine Abschweifungen von der Aktivität zu gewärtigen, die eine allfällige journalistische Entourage stets ein bißchen ratlos sein lassen.

Dabei reicht doch das, was aus dem Ritual politischer Tischreden und längst vorbereiteten Kommuniqués herausfällt, oft genug in eine – wie sagt man doch? – tiefere Dimension.

Vergessen ist längst jene nur einige Wochen zurückliegende Bildsequenz, in der uns für wenige Sekunden der Fernsehreporter einen Blick aufs Puschkin-Denkmal in Leningrad werfen ließ, weil auch das auf dem Programm des Staatsbesuchs des Bundespräsidenten gestanden hatte.

Das war nun aber viel mehr als sightseeing, denn Richard von Weizsäcker ist es wichtig, "die Kulturen anderer Völker in ihrer tiefen Kraft zu verstehen, ernst zu nehmen und zu respektieren". Das sei, so hat er einmal gesagt, "wahrlich ein wichtigerer Beitrag für das Überleben der Menschheit auf der Welt, als ideologische Kreuzzüge zu führen und sich allein auf Sicherheitsaspekte zu stützen".

Puschkin? Der Bundespräsident liest sich vor Staatsbesuchen wochenlang in die Literatur des Gastgeberlandes ein, repetiert sie zur Einstimmung, zur Information. Dazu hatte er bei seiner Reise in die Sowjetunion besonderen Anlaß. Nicht nur mußte er in seinem Gespräch mit sowjetischen Jugendlichen, die Frage nach deutscher Torwart-Literatur bestehen, sondern auch die nach zeitgenössischen sowjetischen Autoren. In einem Puschkin-Jahr, denn vor 150 Jahren starb der Dichter, der die Sprache der russischen Literatur gültig formte. Weizsäcker weiß, wie lebendig Puschkins Werk im Bewußtsein der Russen ist, vergleichbar allenfalls der Volkstümlichkeit Schillers im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Generalsekretär Gorbatschow erhielt von seinem Besucher zum Geschenk eine Puschkin-Zeichnung von Horst Janssen.