Von Ralf Dahrendorf

Das Gespräch mit sieben Amerikanern am abendlichen Eßtisch wandte sich wieder einmal (und sicher nicht zum letzten Mal) der Frage der demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu. Ein Gast brachte den Namen von Bill Bradley ins Gespräch. Der frühere Basketballspieler, Senator des großen Nachbarstaates von New York, New Jersey, will zwar angeblich erst 1992 kandidieren, gehört aber zu denen, die hin und wieder schon jetzt genannt werden. Das Gespräch nahm indes eine überraschende Wendung. "Bradley? Keine Chance; der hat eine deutsche Frau."

Das war ohne Emotion gesagt, fast wie selbstverständlich. Zwei, drei am Tisch kannten Frau Bradley und lobten sie als Person wie als Dozentin an der Universität Princeton. Nicht alle stimmten der These zu; einer meinte, das spiele überhaupt keine Rolle. Das Gespräch bewegte sich seitwärts, als einer anmerkte, mit dem griechischen Namen Dukakis könne man auch nicht zum Präsidenten gewählt werden. Doch schienen die Gesprächspartner sich am Ende einig, daß die kluge Frau deutscher Herkunft dem fähigen Senator jedenfalls nicht nützen würde.

Das wird manchen Leser überraschen. Es führt mich zu einem der heikelsten Themen für den deutschen Amerika-Reisenden und einem, bei dem es nicht leicht ist, sine ira et studio zu schreiben. Es ist noch nicht einmal leicht, die Empfindungen anderer richtig darzustellen. Als langjähriger Auslandsdeutscher, der sich zuweilen in Situationen findet, in denen man ihn nicht gleich als solchen erkennt, weiß ich natürlich, daß manche im Ausland Deutsche mögen und andere nicht. In den angelsächsischen Ländern ist das oft eine Entscheidung zwischen Deutschen und Franzosen. "Ich kenne Deutschland nicht, habe auch nicht viel Zeit dafür", ist eine durchaus häufige Meinung, so wie die andere: "Ich kann mit den Franzosen nichts anfangen." In Deutschland ist man in diesen Dingen weniger ehrlich, vielleicht aus gutem Grund. Daß indes Deutsche nicht von allen geliebt werden, ist normal und erträglich, ja eigentlich kaum der Rede wert.

Es ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Bei einem anderen Essen kam die Rede darauf, was man denn tun könne, um die deutsche Wirklichkeit stärker ins Bewußtsein der Amerikaner zu rücken. Welche Wirklichkeit? Für viele stehen nach wie vor zwei Symbole für Deutschland: die SS-Runen und der Mercedes-Stern. Die deutsche Vergangenheit ist vielen gegenwärtig, und die deutsche Gegenwart wird durch Wohlstandsprodukte symbolisiert, nicht viel mehr. Gewiß, da sind eine vielbeachtete Kiefer-Ausstellung und das auch hier wenig gepriesene letzte Buch von Günter Grass; zudem trifft man allerorten deutsche Prominente ebenso wie deutsche Touristen; und natürlich gibt es die begrenzte, aber wichtige Schar derer, die sehr viel wissen über deutsche Dinge. Aber wenn man von den amerikanischen Wählern spricht, oder auch nur von den durchschnittlichen Lesern durchschnittlicher Zeitungen, bleiben nur wenige Zeichen.

Was die Nazi-Vergangenheit betrifft, so ist die Frage nicht ganz leicht zu beantworten, warum die Erinnerung gerade jetzt, nach über vierzig Jahren, wieder so lebhaft ist. Leser der ZEIT wissen, daß ich zu denen gehöre, die nicht bereit sind, an einer Veranstaltung mit dem österreichischen Bundespräsidenten Waldheim teilzunehmen. Er repräsentiert die Haltung, die die Verbrechen der Vergangenheit möglich gemacht hat (mehr als die Verbrechen selbst). Aber auch mir ist rätselhaft, warum Herr Waldheim viele Jahre lang unangefochten in den Vereinigten Staaten leben und agieren konnte, jetzt indes auf die watch-list gesetzt wird. Hat das etwas mit der alternden Generation der Beteiligten zu tun, die noch einmal zu Wort kommen möchte? Gibt es eine neue Notwendigkeit, irgendwo, und sei es auch in der Vergangenheit, ein Reich des Bösen auszumachen? Geht gar die Angst vor einer Wiederholung um?

Manche meinen, die Wiederbelebung der deutschen Vergangenheit in Amerika gehe auf das Konto der New Yorker Juden und ihrer Organisationen. Verschwörung gegen Verschwörung sozusagen. Richtig ist sicherlich, daß die jüdischen Gemeinschaften erneut eine besondere Sensibilität gegenüber allen Anzeichen der Wiederkehr des Vergangenen zeigen. Aber das ist weder auf Juden und ihre Organisationen beschränkt, noch könnte es die Wirkung haben, die es hat, wenn es sich um eine spezifische Kampagne jüdischer Gruppen handelte.