Von Norbert Blüm

Gefangenen-Besuch

Der Tag ist wie jeder andere in Santiago de Chile oder sonstwo auf der Welt. Morgens stehen die Leute auf und abends gehen sie schlafen. Dazwischen passiert Großes und Kleines und meistens Kleines. Der Tag unterscheidet sich nicht von irgendeinem anderen. Wir fahren früh durch die Stadt. Sie rekelt sich noch im Wachwerden, steht noch nicht unter Dampf. Wir parken, zwei Autos, eine Parklücke, immer dasselbe. Durch eine regnerisch trübe Seitengasse geraten wir vor ein Tor. Klingeln, werden eingelassen. Ein dicker Polizist sitzt buddhaähnlich hinter erhöhtem Schreibtisch. Ein Holzgeländer trennt uns. Mir reicht es bis kurz unter das Kinn.

Comandante weiß nichts von unserem Besuch. Das wärst Dann telephoniert er doch. Wir – ein Botschaftsangehöriger und ich – nehmen auf einer Holzbank Platz. Rechts von uns durchquert ein Gendarm die Breite des Raumes, am Wendepunkt Hackenschlagen und dann im Stechschritt zurück. Ob er übt? Oder ist die Automatik eingerastet, und er findet den Knopf zum Abschalten nicht? Dann macht er Schluß und lehnt gelangweilt an der Wand. Was jetzt?

Wir dürfen! Durch lange Gänge erreichen wir einen großen Saal. Hunderte gelb angestrichener Klappstühle von blecherner Beschaffenheit bilden wohlgeordnete Längsreihen. An den Rändern flache Koksöfen, über denen sich in viel Kleidung eingehüllte Personen die Finger wärmen. Viel viel mehr Stühle als Menschen. Dostojewski oder Kafka. Einer von beiden muß solche Säle gekannt haben.

Stramm hinter den vor uns marschierenden Gendarmen erreichen wir ein Büro: Großer Schreibtisch. Gleich zwei Pinochet-Bilder an der Stirnseite. Der Soldat bleibt. Wir auch. Es dauert Minuten und es kommt, geführt von einem Gendarm, Dr. Olivares. Ganz anders als ich ihn mir vorgestellt hatte. Kein alter Landarzt. Ein blasser Jüngling, schwarzer Vollbart. Zart, fast gebrechlich. Eine mittelalterliche Heiligenfigur. Statt der Soutane trägt er den Poncho. Eine Lilie in seiner Hand und eine Kerze vor ihm, und ich würde mich an den Seitenaltar einer großen dunklen Kathedrale versetzt fühlen.

Unser Gespräch beginnt leise. Nein, jetzt würde er korrekt behandelt. Auf den Fahrten zu den Verhören gehe es allerdings anders zu. Da seien die anderen, nicht die Gendarmen, an der Reihe. Ja, er habe einen Verwundeten behandelt, ohne zu fragen, woher seine Verletzung rühre. Das sei keine Heldentat. "Ich habe nur den hippokratischen Eid erfüllt." Und jetzt sitzt er seit sieben Monaten im Gefängnis. Die Vicaria de la Solidaridad verteidigt ihn. Für die Vicaria hatte er als Arzt gearbeitet. Christen 1987 in Santiago de Chile.