Von Jürgen Bermes

Nach den Eigenschaften zu urteilen, die ihnen nachgesagt werden, sind sie regelrechte Musterknaben: Ihre Väter preisen sie als extrem belastbar, hart im Nehmen, auf die Sekunde pünktlich, auf den Millimeter genau, als harmlos und diszipliniert. In bundesdeutschen Betrieben arbeiten inzwischen rund zehntausend von ihnen. Manche Kollegen vergessen schon mal, welche Energie in ihnen steckt. Das hat mittlerweile einige das Leben gekostet.

Die manchmal unberechenbaren Musterknaben sind Industrieroboter. Sie verursachten zum Beispiel in Japan seit 1978 zehn tödliche Unfälle. Auch in den USA und Frankreich sind Todesfälle durch fehlerhaft funktionierende Industrieroboter bekanntgeworden. In Schweden wurden zahlreiche Unfälle mit schweren Verletzungen registriert: Ein Schweißtropfen löste im Programmierhandgerät einen Kurzschluß aus, der Roboter bewegte sich unerwartet, Arm und Brust des Programmierers wurden gequetscht. Ein anderer Fall in einem schwedischen Unternehmen: Der Maschinenbediener griff in der Eile in die laufende Anlage, um ein schief liegendes Werkstück gerade zu richten, seine Hand stieß mit dem Roboter-Greifarm zusammen, ein Finger wurde abgetrennt.

Ähnliche Unfälle hat es bisher in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Dortmund hat bisher nur von einigen kleineren Zwischenfällen mit leichten Verletzungen erfahren. Eine Statistik wird darüber nicht geführt, weil sich die Bundesanstalt auf tödliche Unfälle konzentriert. Auch der Hauptverband der Berufsgenossenschaften hat keinen genauen Überblick. Die Ereignisse, heißt es im Statistiker-Jargon, seien „nicht signifikant“, also zu selten, als daß sich zählen lohnte. Allerdings räumt ein Experte beim Hauptverband ein, bei den Unfallursachen sei der tatsächliche Grund nicht immer exakt zu erfassen.

So kann in der Statistik ein Meißel als Ursache einer Kopfverletzung auftauchen, obwohl ein Roboter diesen Meißel geführt oder weggeschleudert hat. Ganz zu schweigen von den zahllosen Beinahe-Unfällen, bei denen sich die programmierbaren Handhabungsgeräte, wie Industrieroboter auch genannt werden, selbständig machten, aber kein Mensch zu Schaden kam oder die Verletzungen nur so gering waren, daß dies der Berufsgenossenschaft nicht mitgeteilt werden mußte.

Daß es hierzulande noch nicht zu größeren Unfällen gekommen ist, liegt auch daran, daß im Vergleich zu Ländern wie Japan, Schweden und den USA noch wenig Roboter eingesetzt werden. So werkeln in Japan schätzungsweise achtzigtausend, Schweden weist – bezogen auf die Bevölkerungszahl – die größte Roboterdichte der Welt auf.

Doch die Bundesrepublik ist dabei, den Vorsprung aufzuholen. Paul Schreiber von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz prophezeit, daß die Zahl der Industrieroboter in Klein- und Mittelbetrieben steigen wird – mit neuen Problemen für die Arbeitssicherheit. „Wir haben heute den absoluten Grundsatz, Mensch und Maschine voneinander zu trennen“, betont der Arbeitsschutz-Fachmann, „wenn nun aber der Trend zu kleineren Produktionsserien geht, werden mehr Roboter pro Arbeitsprodukt eingesetzt werden, besonders in Klein- und Mittelbetrieben, die ja für solche Serien prädestiniert sind. Und dort wird oft aus Kosten- und Platzgründen eine sichere Trennung zwischen Arbeiter und Roboter nicht eingehalten.“