Pola Negri

Große dunkle Zigeuneraugen, tiefschwarze Lidschatten, ein wilder Blick: Pola Negri war der erste Vamp der Filmgeschichte. Wer ihm verfiel, war verloren. Der Vamp verführte unschuldige junge Männer, zerstörte glückliche Ehen und löste als Madame Dubarry (1919) die Große Französische Revolution aus. Alles mit den Augen. Ihr Leben paßte sich dieser Rolle an. Die geborene Barbara Apolonia Chalupec erhielt ihre Ballett-Ausbildung in Warschau und St. Petersburg, spielte früh Hauptmanns Hannele und wurde 1913 von Max Reinhardt entdeckt. Der holte die Pantomimin nach Berlin, wo sie in sechs Filmen für Ernst Lubitsch ihr Image als männermordendes Monster ausleben durfte. Fast gleichzeitig mit ihrem Lieblings-Regisseur wechselte sie 1922 nach Hollywood, das ehrfürchtig über ihre dunkle Herkunft tuschelte. Wieder waren es ihre Augen, mit denen sie sich hohe Gagen und schöne Männer eroberte. Chaplin verliebte sich unsterblich in sie, und Rudolph Valentino starb ihrem Vernehmen nach sogar an seiner Liebe; eine schönere Witwe als sie an Rudys Grab hatte man noch nicht gesehen. Sie heiratete Grafen und falsche Prinzen und liebte so ausschweifend und verschwenderisch, als wäre es ein Film von Erich von Stroheim. Mit dem Beginn des Tonfilms verlor ihr „animalischer Magnetismus“ rasch an Wirkung. Pola Negri ging nach Deutschland zurück, wo sie als Jüdin galt, bis ihr Hitler persönlich den Arier-Nachweis verschaffte. Für Willi Forst spielte sie mit großem Erfolg in „Mazurka“ (1935), für Gerhard Lamprecht in „Madame Bovary“ (1937). Bei Kriegsausbruch verließ sie Deutschland zum zweiten Mal, hatte aber mit Hollywood, von zwei Gastauftritten abgesehen, nichts mehr zu tun. In Texas erlebte sie eine neue Karriere als Grundstücksmaklerin; von ihren Augen ist nichts mehr überliefert. Am Samstag starb Pola Negri im Alter von 92 oder 90 oder 87 Jahren in San Antonio.

Verpaßt

Amnesie: Gedächtnisverlust. Mögliche Ursache: Alzheimersche Krankheit (siehe dort) oder Waldheim-Syndrom. Waldheim, Kurt: österreichischer Bundespräsident (derzeit). Österreich: Sitz des ORF. ORF: jene Fernsehanstalt, die einen schwedischen Fernsehfilm, der Waldheim als Präsidenten von „Amnesia International“ bezeichnete, nicht gesendet hat, obwohl dieser Film der erste Preisträger des Wettbewerbs von Montreux war, und statt dessen den zweiten Preisträger mit der Begründung gezeigt hat, der schwedische Film sei nicht rechtzeitig eingetroffen. Rechtzeitig: jene Frist, die im Verständnis des ORF verstrichen sein muß, damit das Waldheim-Syndrom der Amnesie verfallen kann.