Auf nach Bayern: Die weißblauen Salmis geben die Richtung an auf den Prospekten und Landkarten, die mit Wort und Bild zu den Kirchen locken im "Pfaffenwinkel" und zu den Schlössern des wunderbar unseligen Ludwig, zu den prächtig ins Grün gesetzten Klosteranlagen von Ettal und Benediktbeuern und natürlich auch zur Wieskirche, einem, so lesen wir in einem eben jener Blätter, "Höhepunkt bayerischer Rokokopracht". Wer wollte das bezweifeln? Auf zur Wies!

Zu dieser "Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland", dem Meisterwerk des Wessobrunner Baumeisters Dominikus Zimmermann, einsam und einzigertig gelegen mitten auf einer Heublumenwiese und vor den Tannenwäldern eines sanften Höhenzugs, kommen jährlich rund eine Million Besucher. Aber was sehen sie, wenn sie den Obolus auf dem Parkplatz entrichtet und das Gotteshaus betreten haben? Durchaus nicht die erwarteten wunderbaren Fresken und Stukkaturen von Zimmermanns Bruder Johann Baptist, sondern ein Spinnweb von Aluminiumstangen, mit denen der Innenraum der Kirche total eingerüstet ist.

Pech gehabt? So kann man es wohl kaum sagen, denn die Wies ist bereits seit rund drei Jahren mehr oder weniger aus dem Verkehr gezogen. Im November 1984 wurde sie geschlossen, weil man Risse an der Decke festgestellt hatte und den Absturz von Stuck befürchten mußte. Daß diese Beschädigung möglicherweise durch die Druckwellen tieffliegender Militärflugzeuge verursacht ist, kann jeder, der unwillkürlich den Kopf einzieht, wenn ein Starfighter durch den weißblauen Himmel donnert, sich unschwer vorstellen. Und auch die Mitteilung, daß etwaigen Restaurierungsarbeiten erst sehr gründliche Untersuchungen vorangehen müssen, leuchtet ein. So ist es gut zu hören, daß die Wiederherstellung des "Juwels des Rokoko" am mangelnden Geld nicht scheitern soll: Knapp sieben Millionen Mark sind im bayerischen Haushalt für die nächsten Jahre eingeplant.

Wann das alles fertiggestellt sein soll? Vielleicht weiß es der liebe Gott. Sein Bodenpersonal und der Verkehrsverein Schongau wissen seit längerem nur eins ganz genau: daß man sich, egal in welchem Besichtigungszustand die Wies auch immer sein mag, das Geschäft mit den Touristen nicht verderben will und also die Türen für die Touristen wieder seit langem geöffnet hat und fleißig weiter jene Prospekte produziert, verteilt und verschickt, auf denen die Wies im vollen Glanz ihrer barocken Pracht erstrahlt.

Im dritten Jahr findet auch weiterhin die beliebte Konzertreihe "Festlicher Sommer in der Wies" statt – allerdings, so liest man im Kleinergedruckten, in den Stiftskirchen von Rottenbuch und Polling, in Schongau und im Münster von Steingaden.

Nichts gegen diese schönen Kirchen, und schließlich ist ein Gotteshaus ein Gotteshaus und ein Konzert ein Konzert. Die Art und Weise aber, wie hier mit der kirchlichen Baustelle unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Geschäfte gemacht und Erwartungen betrogen werden, kann dem gegeißelten Heiland weder zur Ehre noch zur Freude gereichen.

Petra Kipphoff