ARD, 19. August, 23 Uhr: „Alfred Hitchcock: The Man who made the Movies“ – Filmporträt von Richard Schickel

Der Mann, der die Filme gemacht hat, sitzt vor der Kamera und erzählt eine Geschichte aus seiner Kindheit. Damals, er war etwa vier oder fünf Jahre alt, schickte ihn sein Vater zur Polizeiwache, um einen Brief abzuliefern. Der Wachtmeister aber sperrte den kleinen Alfred in eine Zelle, ließ ihn einige Minuten lang schmoren und verkündete anschließend: „So machen wir es mit bösen Buben.“ Seither, sagt Alfred Hitchcock, habe er Angst vor der Polizei. Er fahre kein Auto, nur um keinen Strafzettel zu bekommen. Dann sieht man kurz Janet Leigh in „Psycho“: wie sie am Morgen nach ihrer Flucht auf dem Rücksitz des Wagens erwacht, über ihr die Gestalt des Polizisten, die sich wie ein Raubvogel zu ihr hineinbeugt. Da schließt sich der Kreis zwischen Text und Bild, Leben und Film. Einen Moment lang müßte man jetzt darüber nachdenken, welches Erlebnis eigentlich fiktiver ist, das von Hitchcock oder jenes von Janet Leigh. Doch der Film geht weiter.

In der Schule, erzählt Hitchcock, gab es ein teuflisches System von Bestrafungen, mit Richtern, Urteilen und Henkern, die den Delinquenten den ganzen Tag lang auf die Torturen warten ließen: „go to three hieß es, wenn man Schläge bekam, immer drei auf jede Hand, damit der Schmerz nicht nachließ. Dazu Bilder aus „Der Mieter“ (1926) und „Saboteure“ (1942): grausame Verfolgung, Lynchjustiz, Männer unter Verdacht, Männer, die um ihr Leben kämpfen. Oder „Im Schatten des Zweifels“ (1943): Die Kleinstadt als Mördergrube.

Fast jede Szene, die man in diesem Fernsehporträt zu sehen bekommt, ist schon viele Male analysiert und gefeiert worden, beinahe jeder Satz des Regisseurs steht schon in einem der vielen Hitchcock-Bücher, die meisten davon in François Truffauts „Le cinéma selon Hitchcock“, dem Klassiker dieser Gattung. Richard Schickel, Mitarbeiter von Time und Film Comment und einer der besten Filmjournalisten Amerikas, kann auf eine lange Tradition von Hitchcock-Interpretationen, eine Unzahl von Deutungen und Selbstdeutungen zurückgreifen. Filmausschnitte aus fünf Jahrzehnten, berühmte Szenen aus „Berüchtigt“, „Psycho“, „Die Vögel“ oder „Frenzy“ sollen beweisen, was die Gesprächsfetzen aus den siebziger Jahren behaupten: die Einheit von Leben und Werk. Schickel strebt nach Vollständigkeit; so berührt er alle Topoi, die dem Hitchcock-Experten geläufig sind, und bleibt bescheiden an der Oberfläche des Phänomens Hitchcock, bei jenen Beispielen technischer Meisterschaft, deren Magie nicht erst erklärt zu werden braucht.

Zum soundsovielten Male erfahren wir also, was suspense bedeutet und was ein MacGuffin ist; erleben Hitchcock als gewieften Conférencier der eigenen Biographie; taumeln durch Angst und Terror seiner filmischen Phantasien. Wichtiger wäre es, den Titel des Porträts einmal umzukehren: The Movies who made the Man – die Filme, die den Menschen Hitchcock machten. Sieben Jahre nach dem Tod des Meisters ist es Zeit, sich von seinem Mythos zu verabschieden.

Filmkritik, zumal wenn sie mit filmischen Mitteln betrieben wird, ist eine Frage der Einstellung – und die könnte, nicht nur in Schickels Hitchcock-Porträt, ruhig ein wenig schärfer sein. Andreas Kilb