Zuerst war von Kernenergie die Rede, aber für meinen Nebenmann im Knittersakko mit Fensterplatz liegt Tschernobyl schon weit zurück; seine Familie ißt längst wieder alles, und das Dachgeschoß wird ausgebaut. Sein nächstes Thema hieß: „Informations- und Reizüberflutung“. Er hört, liest und sieht von morgens um sieben bis nachts um elf Meterware, geschäftlich und privat, und schmückt im ersten Anlauf seine Meinungen dazu mit den gängigen Aufklebern „Ein- und Ausstieg“, „Handlungsbedarf“, „Öffnung“, „Grünes Licht“, „Die richtige Richtung“ und, nicht zu vergessen, „Sprachlosigkeit“. Aber dann platzt eine altgediente Vokabel in das Durcheinander: Flüchtigkeit.

Fast beklommen sagte er: „Es wird einem eben alles zuviel, das fängt schon zu Hause an, bei den hochgeputschten Familien-Gesundheits-Sex-Urlaubs- und Zukunftsproblemen, und geht in der Firma weiter mit – aber wem sage ich das? – Intrigen, Protektionen, Leistungsprotokollen, Konkurrenzdruck, Rationalisierungen, Imagepflege und anderen Zuspitzungen. Ich gebe mir wirklich genug Mühe, bin auch überall dabei und halte im stillen oft ein Sektglas in der Hand und sage Prost. Selbst Tisch-Theater-Buch- und Bettgenüsse bringe ich auf diese Weise hinter mich.“

Seiner Flüchtigkeit hält er zugute, gar nicht mehr zu leiden, wie es Deutsche tun, wenn sie nichts mehr vollständig in den Griff kriegen. Nicht, daß er auf Herz, Hand und Verstand verzichte, obgleich ihn das immer wieder zum Lachen reize, nein er begnüge sich für seine Person mit der Note „befriedigend bis ausreichend“, tummle sich mit dem guten Durchschnitt auf allen Feldern. Flüchtigkeit schloß selbst in der Schule Intelligenz ja niemals aus; sie fand stets Milde.

Mit Flüchtigkeit ließen sich auch Ängste übergehen, unangemessene Tiefe und überzogene Verantwortungsgefühle. Aus reiner Gewohnheit bliebe er aber auf der Hut... Ich wollte gründlicher werden; das fand er jedoch zu nostalgisch, und ich fragte ihn zum Schluß nach seiner politischen Einstellung. Er sagte: „Ätsch“, und sieht sich als unverzagter Demokrat nach mehreren Seiten offen, vor allem dort, wo ihm nichts zuviel wird und man nicht zu genau hinsehen muß.