Von Jürgen Krönig

London, im August

David Owen hat eine Erfahrung gemacht, die für den charismatischen, führungsstarken Politiker besonders schmerzlich ist: Er mußte die Grenzen persönlicher Macht erleben. Eine Mehrheit unter den bislang so folgsamen Sozialdemokraten, die ihn zweifellos bewundern, verweigerte Owen jetzt die Gefolgschaft und entschied sich für eine Fusion mit den Liberalen. Die hohe Autorität des "dunklen Messias der britischen Politik" reichte nicht aus, jene Entscheidung zu verhindern, die er mit allen Mitteln bekämpft hatte. Sein Rücktritt vom Vorsitz war denn auch die richtige Konsequenz. Der neue Kurs der Sozialdemokraten, von der Basis gegen die Führung durchgesetzt, wird also eine neue Führungspersönlichkeit hervorbringen. Da es nach der Satzung der SDP nur ein Mitglied der Unterhausfraktion sein kann, fällt diese Rolle dem 27jährigen Schotten Charles Kennedy zu; er hatte sich als einziger der fünfköpfigen Parlamentsgruppe von Anfang an offen gegen Owen gestellt.

David Owen galt einmal als der "neue Mann" der britischen Politik. Nun mußte er mit ansehen, daß die drei anderen Gründungsmitglieder der SDP, die ihre Zukunft längst hinter sich haben, einen letzten Triumph über ihn feierten. Roy Jenkins spielt seit geraumer Zeit die Rolle des grummelnden, unzufriedenen elder statesman der SDP – unzufrieden natürlich mit David Owen; jetzt zieht Jenkins, gerade geadelt, ins Oberhaus ein. Shirley Williams, deren Einfluß von Jahr zu Jahr geringer geworden war, will im November das ohnehin eher repräsentative Amt des SDP-Präsidenten niederlegen; sie folgt dann einem Ruf der Harvard-Universität. Bill Rogers schließlich verdankte den Rest öffentlichen Interesses zuletzt nur dem Umstand, daß er einmal der berühmten "Vierer-Bande" angehört hatte.

Die Niederlage Owens im Kampf um die Seele der sozialdemokratischen Partei hat mit den Schwächen der Lösung zu tun, für die er focht. Er bot alten Wein in nicht einmal völlig neuen Schläuchen an. Die Eigenständigkeit der SDP wollte er unter gar keinen Umständen preisgeben; er war allenfalls zu einer "noch engeren Zusammenarbeit" in der Allianz mit den Liberalen bereit, Darunter allerdings konnte sich eigentlich niemand so recht etwas vorstellen.

Mit diesem Rezept – zwei Parteien nebeneinander – waren die Sozial-Liberalen bei den Parlamentswahlen im Juni wieder abgeblitzt. Zu wenige Briten hatten sich für die dritte politische Kraft erwärmen können, die sich als Koalition von Ideen und Persönlichkeiten vorstellte und überdies gar nicht perfekt harmonierte. Was lag näher, als das verwirrende Spiel zu beenden und klare Verhältnisse zu schaffen?

David Steel, der Chef der Liberalen, preschte nach der verlorenen Wahl schneller als erwartet und ohne Absprache mit David Owen vor. Er hatte seine guten Gründe. Er überraschte mit diesem Schachzug nur jene, die sich von seinem verbindlichen Auftreten an der Seite des souverän wirkenden Owen täuschen ließen.