Die Frauenemanzipation um die Jahrhundertwende hat zwei Gesichter. Bekannt ist das eine: Die Suffragetten, die für die politische und ökonomische Gleichstellung der Frau kämpften.

Neben diesem vom Bürgertum getragenen legalistischen Flügel der Frauenbewegung fand ein erotischer Freiheitskampf der Frauen statt, den eine reiche literarische Produktion begleitete. Er war, vom Fall der Franziska von Reventlow abgesehen, eine Sache finanziell unabhängiger Frauen, Aristokratinnen und Geldaristokratinnen. Ideell beerbt wurden sie von Schriftstellerinnen wie Gertrude Stein und Djuna Barnes, die ihren libertinen Stil weiblichen Lebens fortsetzten. Ihnen erst gelang die Aufnahme in die von Männern geschriebene Literaturgeschichte.

Zu selben Generation der Töchter gehört die Amerikanerin Hilda Doolittle, die zu Lebzeiten neben Ezra Pound und T. S. Eliot ihren festen Platz in der angelsächsischen Lyrik hatte, aber schon vergessen war, als sie 1961 im Alter von 75 Jahren in einem Schweizer Sanatorium starb. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Imagismus, einer englisch-amerikanischen Gruppe avantgardistischer Lyriker, die für die strenge Genauigkeit der poetischen Bildsprache kämpfte.

Im Jahre 1914 erschien als eine Art imagistisches Brevier die von Ezra Pound herausgegebene Anthologie „Des imagistes“. Hilda Doolittle, die den Imagismus in ihren Autorennamen aufnahm und als „H. D., imagiste“ zeichnete, war der Bewegung über das Literarische hinaus verbunden als Verlobte Pounds, dem sie 1911 nach Europa folgte, als Ehefrau Richard Aldingtons, der nach dem Ersten Weltkrieg als Verfasser eines Antikriegsromans hervortrat. Zur erotischen Biographie Hilda Doolittles gehört eine Leidenschaft für D. H. Lawrence und die Lebensgemeinschaft mit der englischen Schriftstellerin Winifred Ellerman.

„HERmione“ ist ein autobiographischer Roman. Er erzählt die Geschichte des jungen Mädchens, das sich gegen die bürgerliche Existenz an der Seite der Freundin entscheidet. Aber dies ist alles andere als eine jener anleitungsfreudigen Frauenlebensfibeln, wie sie der literarische Feminismus hervorgebracht hat. Hilda Doolittle fehlt das Feindbild, das dort lenken hilft.

Die Lösung der jungen Hermione aus den großbürgerlich-neuenglischen Lebensverhältnissen, in denen sie aufwächst, ist ein komplizierter innengesteuerter Prozeß, den erotische und künstlerische Energien antreiben, nicht aber Widerstände gesellschaftlichen Art, nicht Machtworte des Patriarchats. Die Familie gruppiert sich um die junge Titelfigur wie die Gestalten auf einem gutmütigen viktorianischen Gemälde mit dem väterlichen Gelehrten am Rand des häuslichen Lebens und der schönen Mutter in seinem Mittelpunkt. Den Hintergrund bildet der Landsitz in Pennsylvania.

Das Bild paßt vorzüglich in den typischen Rahmen des zeitgenössischen Gesellschaftsromans. Die Erzählerin, könnte man meinen, muß nur noch im Park das Moospolster für das Stelldichein des jungen Paares plazieren, muß gelegentlich ein wenig sticken lassen, für den Teebesuch den Kamin anzünden oder den Flügel für das Konzert im Hause der Freunde öffnen lassen und die Expedition ins fremde Kleinbürgermilieu so losschicken, daß die Intrige rechtzeitig in Gang kommt. Am Ende, nach der Nervenkrise der Liebespatientin, kann der Eintritt in das erwachsene Bürgersleben erfolgen.