William Kennedys Erzählungen haben alle einen örtlichen Fixpunkt, und zwar des Autors Geburtsort Albany im amerikanischen Bundesstaat New York. Dieser Kleinstadt errichtet Kennedy literarische Denkmäler, veredelt ihren Provinzialismus in ironisch-melancholischen Epopöen über gestrandete Alltagshelden. War es im vorletzten Albany-Roman „Wolfsmilch“, der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, der Straßenvagabund Francis Phelan, der trotz aller mißglückten Sozialstationen als aufrechter Charakter besungen ward, ist es in der neuesten, nunmehr in Deutsch vorliegenden Geschichte „Druck“ der Zeitungskolumnist Bailey, dessen heroisches Scheitern Kennedy hymnisch intoniert.

Bailey rackert sich als Gewerkschafter in einem Streik gegen den Herausgeber einer Zeitung ab. Nur ein kleines Häufchen Gleichgesinnter unterstützt ihn bei diesem zähen Kampf, der weniger am Verhandlungstisch als vielmehr auf der Straße ausgetragen wird. Bailey wird gekündigt, denunziert, zusammengeschlagen, erpreßt, und gibt doch nicht auf. Längst ist ihm der Widerstand an sich zum Zwecke geworden, zur aufrechten Lebenshaltung, während das ursprüngliche Ziel dieses Arbeitskampfes, materielle Verbesserungen, seinen Augen allmählich entschwunden war. Als der Streik dann letztlich zusammenbricht, trägt das Bailey daher nahezu mit Gleichmut: „Was immer da im argen lag, es hatte ihn nicht kleingekriegt. Er konnte immer noch oben das Bier reingluckern lassen und unten den Saft rausspritzen.“

Dieses rauhe, aufgekratzt-lockere Idiom begleitet den Leser den ganzen Roman, schnattert und krakeelt ohne Unterlaß. Als realistisches Sprachambiente wohl gedacht, verkommen die Dialoge nur allzuschnell zu purer Comic-Geschwätzigkeit. Oder zu pseudophilosophischem Nonsens.

Keine Frage, daß die enervierend schnoddrige Übersetzung noch einiges zur Unerträglichkeit zahlreicher solcher Stellen beiträgt. Trotzdem: William Kennedy – ein zweifellos virtuoser Sprachjongleur – überzieht seinen Wortwitz hier bei weitem, macht, schlicht und einfach, zu viele Worte. Die gesamte, bisweilen recht turbulente Handlung hindurch beschleicht einen daher der Verdacht, daß der Autor diese Kulisse nur schuf, um seiner Sprache Ablauf zu gewähren, ihren Bewegungsdrang zu beseitigen. Wahrscheinlich schreibt er so viel von Blut, Schweiß, Sex und Alkohol, diesen Chiffren einer lebensprallen Sinnlichkeit, weil seine Figuren, allesamt literarische Abziehbilder, genau jener entbehren.

Die Hintergründe des Streiks, die Strukturen eines ökonomischen Kampfes, die psychischen Spuren einer Krisensituation spiegeln sich alle nur matt in den Mentalitäten ihrer Protagonisten. Deren Launen und Fatalismen schweben über den Ereignissen, führen ein abgehobenes Eigenleben, lassen sich nur unwillig zu den immergleichen Reaktionen stimulieren.

Auch die Kehrseite des amerikanischen Traums, die Kennedy so salopp beschwört, ist eben gefährlich artifiziell und anfällig für Klischees. Die stilisierten Anti-Helden mit dem coolen Sponti-Humor und den Schrammen im Gesicht: wer hielte denn nicht auch sie längst für abgeschmackt?

Gerald Schmickl