Von Marion Gräfin Dönhoff

Schade. Eben noch waren wir Zeugen eines einzigartigen Vorgangs. Wir erlebten, wie ein christlich-demokratischer Minister, bar aller Taktik und gegen die Kabinettsdisziplin, in vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber Vorwürfen und Schmähungen daheim in loderndem Zorn vor einem Diktator stand. Ein von moralischer Entrüstung gepackter, von allen verlassener Blüm vor dem mächtigen Pinochet, dem die Lüge, es gebe keine Folterung in seinem Land, leicht von den Lippen ging. Es war ein wirklich bewegendes Schauspiel, gerade weil es so einmalig ist.

Und jetzt? Jetzt ist dieses Ereignis Tag für Tag Anlaß zu immer neuen Kontroversen, Vorwürfen, Einwänden und ungewöhnlich zynischen Bemerkungen – wie die von Franz Josef Strauß, der die Folter bagatellisiert: „Sicherlich sind sie unfein behandelt“ worden; und wie die der FAZ, die schrieb: „Es nutzt niemandem, das in der Welt isolierte Chile als Gelegenheit für billiges Heldentum zu nehmen.“

Die Politiker werden nicht müde, das Schicksal der vierzehn Chilenen zu beschwören, so als gelte es, auf der Stelle eine Entscheidung zu treffen. Dabei wird es vermutlich erst in Jahren notwendig sein. In Deutschland wird eben jede politische Frage zu einem weltanschaulichen Problem. Man wird an Metternich erinnert, der sich oft über die deutsche Leidenschaft für „klare Situationen“ beklagt hat, die, wie er meinte, immer wieder zu katastrophalen, endgültigen Lösungen geführt habe.

Da muß man sich denn doch einmal fragen: Wie steht es überhaupt mit der Möglichkeit, die Menschenrechte in anderen Staaten zu beeinflussen? Genereller gefragt: Wieweit können, müssen, dürfen moralische Aspekte die Außenpolitik bestimmen? Ist Realismus gefragt oder Idealismus?

Eine sehr undifferenzierte Antwort könnte lauten: Es geht nicht ganz ohne Moral, aber nur mit Moral geht es auch nicht. Henry Kissinger, der tiefer über Geschichte nachgedacht hat als die meisten Staatsmänner, sagt: „Reine Realpolitik steht immer in der Gefahr, von den Ereignissen gehetzt zu werden und in totale Beliebigkeit auszuarten. Ohne starke moralische Überzeugung ist es sehr schwierig, Realpolitik zu betreiben.“ Das ist die eine Erkenntnis; die andere lautet: Allein mit der Bergpredigt läßt sich Außenpolitik nicht bestreiten.

Wie immer in der Politik, kommt es also darauf an, die Grenze zwischen den Extremen richtig zu definieren – konkret gesprochen: die Grenze zwischen Interessen und Idealen, zwischen Pragmatismus und Moral optimal zu bestimmen. Wo sie verläuft, läßt sich nicht grundsätzlich oder ein für allemal entscheiden; das muß für jeden Fall neu ermittelt werden. Und schließlich hängt es auch von den jeweiligen Akteuren ab. Die geschichtserfahrenen, leidgeprüften Europäer pflegen im allgemeinen die pragmatischen Gesichtspunkte stärker zu betonen. Die Amerikaner, die es erst auf 200 Jahre Geschichte gebracht haben und deren Anfänge damals im Zeichen des moralischen Aufruhrs standen, neigen zur Betonung ethischer Aspekte und zu Kreuzzugs-Tendenzen.