Von Heinz Blüthmann

Die Linien verlaufen gar nicht so schön und fließend, wie das die heutige Automode verlangt. Und doch geraten BMW-Manager in schieres Entzücken, wenn sie ihrer ansichtig werden. Für die Sektlaune der bayerischen Autobauer sorgen zwei Kurven auf liniiertem Papier: eine für BMW, eine für den Erzrivalen Daimler-Benz. Sie zeigen, wie viele der teuersten Limousinen-Modelle beider Marken Monat für Monat neu auf deutsche Straßen rollen. Seit März dieses Jahres steht die jahrzehntealte Ordnung auf dem Kopf: BMW ist oben, Daimler-Benz unten.

Das hat es seit dem Krieg nicht gegeben. Immer fuhren die Top-Limousinen (S-Klasse) des schwäbischen Herstellers souverän an der Spitze, polierten dadurch das Marken-Image auch für die kleineren Autos mit dem Stern am Bug stets auf Hochglanz und prägten das scheinbar unerschütterliche Selbstbewußtsein der Mercedes-Leute, das nur sie selbst niemals als Arroganz empfinden. So sehr sich BMW auch mühte, da mitzuhalten – es reichte in all den Jahren lediglich zur Nummer zwei im automobilen Oberhaus.

Die langersehnte Wende kam mit der neuen 7er-Baureihe der Bayern, die seit Herbst 1986 an die Kunden ausgeliefert wird und das aus dem Jahr 1977 stammende Vorgängermodell ablöste. Das neue Auto – der erste BMW, dessen Form vor allem im Windkanal erarbeitet wurde – zog rasch so viel gutbetuchte Kunden an, daß Käufer heute neun Monate und länger auf die bis zu 130 000 Mark teuren Fahrzeuge warten müssen. Ein fabrikfrischer S-Klasse-Mercedes ist derzeit schon binnen eines Vierteljahres zu haben.

Aber nicht nur die im Vergleich zu Daimler-Benz längeren Lieferfristen, die überlegene Attraktivität signalisieren, und die höheren Inlandsverkäufe machen die Herren bei BMW so zufrieden wie lange nicht mehr – die ungewohnte Rangordnung setzt sich unter der Haube fort: Einen Motor mit zwölf Zylindern, den ersten aus deutscher Produktion seit dem Krieg, können die Münchner nun ihren auf Imageabstand bedachten Kunden offerieren. Die Mercedes-Karossen gibt es „nur“ mit maximal acht Zylindern.

Was dies für den nun erst richtig angeheizten Zweikampf mit dem Konkurrenten in Stuttgart bedeutet, stellte das Fachblatt auto motor und spart gerade fest: „BMW kann den Zwölfzylinder mit Sicherheit gut gebrauchen, denn im Wettstreit mit dem Erzrivalen Daimler-Benz ist dies der Trumpf, der sticht.“

Die für ihre ausgewogene Nüchternheit bekannte schweizerische Automobilrevue setzte noch einen drauf: „Damit sind wohl die Voraussetzungen geschaffen, um in Zukunft Mercedes-Produkte, die bislang weltweit als Repräsentationsfahrzeuge dominierten, von ihrer Vorrangstellung zu verdrängen.“