Von Gunhild Lütge und Wolfgang Zank

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: „Zwei Kilo Würmer‚ für zehn Mark, den Fisch gibt es gratis dazu.“ Mit solchen Sprüchen preisen derzeit Händler ihre ungeliebte Ware auf dem Hamburger Fischmarkt an – alle lachen, aber kaum jemand kauft. Drastische Umsatzrückgänge bis zu achtzig Prozent lassen in der gesamten Fischwirtschaft Galgenhumor aufkommen. Seit das Fernsehmagazin Monitor über Wurmlarven (Nematoden) im Fisch berichtete, ist den Deutschen der Appetit auf Meerestiere vergangen. Die eindrucksvollen Bilder von den lebendigen Fadenwürmern im Fisch zeigten eine prompte Wirkung: Der Ekel ist so groß, daß selbst eingeschworene Fischliebhaber mit Abstinenz reagieren. Das Image vom gesunden Nahrungsmittel ist dahin.

Was für Fischkenner keine Überraschung ist, entsetzte den Normalverbraucher: Vorzugsweise in Heringen, aber grundsätzlich auch bei allen anderen Arten von Frischfisch können – und das schon immer – Parasiten sein. Die Würmer kommen vor allem in den Gewässern vor, in denen sich Meeressäugetiere tummeln. Und weil die Zahl der Seehunde und Kleinwale in den vergangenen Jahren stark anstieg, vermehrten sich auch die Würmer entsprechend. Über die natürliche Nahrungsmittelkette im Meer werden auch die Fische befallen.

All das ist lange bekannt und erforscht. Auch bestritten wird es nicht. Daß es plötzlich zu einem Thema mit fatalen Folgen wurde, damit hatte die Fischindustrie nicht gerechnet. „Wo Leben ist, da sind auch Parasiten“, meint Folkert Marr vom Bundesverband der Fischwirtschaft. Er kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Auch die Verbraucherverbände gaben mittlerweile Entwarnung.

Durch kurzzeitiges Tieffrieren, Räuchern oder Lagern in Salz- und Essiglaken bei der Verarbeitung von Heringen, die dann roh auf den Tisch kommen, sowie Kochen oder Braten des Meeresgetiers sterben die Schädlinge nämlich ab. Aber auch durch hohe Temperaturen „lösen sich die Nematoden nicht in Luft auf, sie werden nur gar“, klärt das Handelsblatt seine Leser auf. Und Fisch, vor dem sich die Menschen ekeln, könne man eben nicht verkaufen, lautet die logische Schlußfolgerung.

Lebendige Würmer, die nach Meinung der Fachmediziner für den Menschen zwar nicht lebensgefährlich, aber höchst unangenehm werden können, dürfte es in Heringsmarinaden eigentlich gar nicht geben – hielten sich die Fischverarbeiter an die Richtlinien ihres Verbandes. Daß einige von ihnen gegen die Regeln verstießen, zeigte die Monitor-Sendung. Verbindliche Gesetze und Verordnungen gab es bisher nicht.

Um so hektischer reagierte das Gesundheitsministerium. Da ein großer Teil der Ware aus dem Ausland kommt, konzentrierten sich die Beamten zunächst auf den Import. Ein Eilerlaß aus Bonn, Fisch aus fremden Landen ab sofort streng zu prüfen, hat an den Grenzen schon teilweise zum Chaos geführt. Paul Tarnung, Chef des Verbandes der dänischen Fischexporteure, spricht von einer „Katastrophe“. Der Umsatz mit den Deutschen fiel schlagartig um achtzig Prozent. Die Bundesrepublik ist für die Dänen der wichtigste Exportmarkt. In der jetzigen Misere sieht man sich dort mehr als Opfer denn als Täter. Denn schon seit Jahrzehnten gibt es in Dänemark strenge Regelungen für den Endverbrauch.