Von Christian Schmidt-Häuer

Analysen und Prognosen über die Entwicklung der Sowjetunion liefen bisher wenig Gefahr. Der Gegenstand des Interesses war so unbeweglich, daß er Mutmaßungen und Voraussagen kurzfristig kaum einholte. Mit Gorbatschows Beschleunigung (uskorenje) ist das anders geworden. Die neuen Fakten und Faktoren sind mit den Fiktionen der Sowjetologen in einen ungewohnten Wettbewerb getreten. Nicht mehr die politologischen Begründungen für den Stillstand in der Sowjetunion, sondern die Veränderungen des Landes zeigen nun, was die Propheten gelten.

Das fällt besonders ins Auge bei zwei wichtigen Moskauer Büchern über die Gesellschaft, die Gorbatschow umbauen will:

Martin Walker: The Waking Giant – The Soviet Union Under Gorbachev; Michael Joseph, London 1986; 282 S., 14.95 Pfund

Seweryn Bialer: The Soviet Paradox – External Expansion, Internal Decline; I. B. Tauris, London 1987; 391 S., 1630 Pfund.

Der Korrespondent des britischen Guardian, Martin Walker, kommt mit der neuen Meßlatte gut zurecht. Der aus Polen stammende Columbia-Professor Seweryn Bialer hat erhebliche Schwierigkeiten. Auch wenn es durchaus noch nicht entschieden ist, ob die vorsichtige Zustimmung des einen oder die skeptische Distanz des anderen von den weiteren Etappen und unvermeidlichen Engpässen der Umgestaltung (perestrojka) bestätigt wird, so scheint doch Martin Walker dem historischen Versuch Gorbatschows bei weitem gerechter geworden zu sein.

Das liegt einmal an den unterschiedlichen Ausgangspunkten. Walker hat sich vom frischen Wind des Reformprogramms treiben lassen. Bialer ist über den Berg der sowjetischen Probleme an die Beurteilung gegangen. Das liegt zum anderen aber auch daran, daß der Guardian-Korrespondent ein höchst sensibles Buch geschrieben hat, das den lokalen Augenschein mit knappen pointierten historischen Ausflügen verbindet und uns nicht auf den üblichen, ausgetretenen Pfaden in die politische Landschaft und ihre veränderte Stimmung führt. Walker wagt sich dabei weit vor in seinem Optimismus. Aber er setzt auf dem unsicheren Boden der Reformen doch einen Schritt vor den anderen, er tritt nicht daneben. Gorbatschows weiterer Kurs hat bisher bestätigt, daß dem Journalisten keine Orientierungsfehler unterlaufen sind.