Von Gerhard Roth

Zur Eröffnung der Salzburger Festspiele sprach der österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim den Satz aus: "Kehren wir doch endlich dem zerstörenden Masochismus den Rücken." Er meinte damit wohl kaum sich selber, sondern die Selbstkritik des Landes, die sogenannten und in Österreich unter diesem Begriff subsumierten Österreichbeschimpfer, denen die übrigen Österreicher endlich den Rücken zukehren sollten. Ähnliches war schon bei der Eröffnung der anderen österreichischen Staatskulturoperette, der Bregenzer Festspiele, aus seinem Mund zu hören.

Im wesentlichen sind Aufforderungen dieser Art nichts anderes als plumpe Steine in einem Puzzlespiel, das zuletzt das Wort Nestbeschmutzer bildet. Des weiteren meinte Waldheim: "Wenn der österreichische Nationalcharakter tatsächlich vom leichtfertigen Verdrängen und bequemen Vergessen geprägt ist, dann frage ich mich: Warum gibt es in der Geschichte unserer Republik so viele Gräber und Gedenktage, an denen wir angesichts der Opfer zur Versöhnung und Toleranz mahnen?" Abgesehen davon, daß es im Bewußtsein der Bevölkerung nur Weihnachten, Ostern und Neujahr gibt, müßte die Frage lauten: "Warum gibt es in der Geschichte unserer Republik überhaupt so viele Gräber und Gedenktage?"

Jedenfalls wird die Methode ersichtlich: Das österreichische "Staatsoberhaupt", wie es hierzulande genannt wird, will mit seiner Vergeßlichkeit auch noch den letzten Staatsbürger infizieren, indem es das kritische Gewissen dieses Landes von der Bevölkerung isoliert und es mit – wie im weiteren Verlauf der Rede – Vorurteilen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten in Zusammenhang bringt – ein Vorgang, der nicht aufmerksam genug verfolgt werden kann.

Zweifellos geschieht diese Entwicklung mit stiller Duldung oder Unterstützung eines großen Teils der österreichischen Medien und wird flankierend begleitet von namhaften Politikern, die (bislang) alle der ÖVP angehören. So werden Schriftsteller, die sich Gedanken um dieses Land machen, in immer aggressiverer Form denunziert.

Wie weit dieser Versuch, auf verbalem Weg zu unterdrücken, in Österreich fortgeschritten ist und was er bewirkt, wird ersichtlich, wenn man versucht, die Ereignisse der letzten Wochen zusammenzufassen. Als bei den vom "Staatsoberhaupt" eröffneten Salzburger Festspielen George Taboris Inszenierung des Oratoriums "Das Buch mit sieben Siegeln" mit der Begründung, sie sei obszön, abgesetzt wurde (eine Vorgangsweise, die nicht anders als Zensur verstanden werden kann), gab der ÖVP-Generalsekretär Michael Graff, der sich schon in der Auseinandersetzung mit "gewissen Herrn des jüdischen Weltkongrosses" einen traurigen Namen gemacht hatte, den selbstentblößenden Kommentar ab, die Salzburger Festspiele sollten ihre Liberalität beweisen und Tabori "eine schöne Bedürfnisanstalt anbieten, damit er sich dort in angemessenem Rahmen künstlerisch" betätigen könne.

Der für sein Kunstverständnis berühmte Kolumnist der Kronenzeitung fand folgende Formulierung: "Der Verhunzer... war ein gewisser Herr Tabori, ein reichlich unappetitlich anmutender Mensch, der uns auch im Fernsehen schon erklärt hatte, was es mit der Produktion auf sich hätte: ‚Ich will zeigen, was der Mensch dem Menschen antut‘. Gut, aber wozu muß dann in der Kirche zu fließendem Blut geschnackselt werden?" Dem Kunstkritiker war – wie übrigens dem Großteil jener, die sich bemüßigt sahen, Stellung zu nehmen – nur ein Drei- oder Vierminuten-Auszug aus dem Fernsehen bekannt, auf den er seine Beurteilung stützte. Übrigens eine Szene, in der sich die Menschen aus Furcht vor der Apokalypse verzweifelt aneinanderklammern. Nebenbei: der "gewisse Herr Tabori" ist, wie die "gewissen Herrn vom jüdischen Weltkongreß", Jude. Möglicherweise ist das die Ursache für sein "unappetitliches" Aussehen.

In Österreich wird das "experimentelle" und "avantgardistische" Kunstwerk, und darunter versteht man hierzulande die Kunst seit dem Impressionismus, die Musik ab Schönberg und die Literatur, die "nicht normal schreibt" (Dadaismus, Expressionismus und so weiter bis zur Wiener Gruppe und dem Grazer Forum Stadtpark, aber auch gesellschaftspolitisch engagierte Literatur), noch immer vom überwiegenden Teil der gebildeten Bevölkerung (der andere, viel größere Teil, nimmt sie überhaupt nicht wahr) als entartet begriffen. Machte man früher Picasso-Witze oder Witze über abstrakte Kunst, waren Picasso und die abstrakten Maler (die man für gewöhnlich in einen Topf wirft) in der "Nachkriegszeit" und noch viele Jahre danach der Inbegriff des Schwindels, so "verbrachen" Schönberg und die Wiener Schule in den Ohren des überwältigenden Teils der sogenannten Musikinteressierten nur Kopfwehmusik, Katzenmusik und sind zuletzt heute die Gegenwartskünstler "alles Nichtskönner" und "Scharlatane" und werden es im Bewußtsein der Österreicher für lange Zeit wohl bleiben.

Seit Menschengedenken ist diese Mischung aus Argwohn, Bösartigkeit und zuletzt und vor allem auch Dummheit, dieser Würgegriff des gesunden Volksempfindens, das sein eigenes Unverständnis, seine eigene Denkfaulheit als gesund, das Nachdenken seiner Künstler aber als krankhaft (entartet) bezeichnet, ein unübersehbarer Bestandteil der österreichischen Mentalität. In all dieser Stumpfheit ist auch der Vernichtungswille nicht zu übersehen: Absetzen, zensieren, bestrafen, öffentlich an den Pranger stellen – um auszulöschen, verschwinden zu lassen, mundtot zu machen.

An dieser Stelle soll nicht auf die jahrzehntelangen Erfahrungen des Verfassers mit "moderner" Kunst in Graz, anläßlich des "steirischen Herbstes" eingegangen werden, die manchmal das Gefühl aufkommen ließen, dieser finde in einem Graz statt, das sich insgeheim noch immer rühme, "Stadt der Volkserhebung" zu sein – ein Ehrentitel, den Graz wegen seines stürmischen Empfangs von Adolf Hitler dem "Führer" verdankt – einem Graz, das genauer unter die Lupe genommen gehörte, wäre es nicht (bis auf die Handvoll seiner Künstler) zu unbedeutend.

Statt dessen eine weitere Kostprobe, diesmal vom ÖVP-Vizebürgermeister von Wien, Erhard Busek, einem "Mann der Zukunft", wie man ihn in seinen eigenen Reihen gerne sieht. Der Mann der Zukunft erklärte der Bunten Illustrierten, die soeben die ungemein aufschlußreichen Memoiren der Leni Riefenstahl abgedruckt hatte, auf Befragen, die Schriftsteller, die Kritik an Österreich geübt hätten, beschimpften Österreich, "nur um im Geschäft zu bleiben". Diese Schriftsteller sind: Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Peter Turrini und der Verfasser (aufgrund ihrer kritischen Überlegungen vermutlich auch Peter Handke und Michael Scharang). Damit entlarvt sich der Wiener Vizebürgermeister, der sich bisher immer als Intellektueller und Liberaler auffrisierte, als Attrappenpolitiker.

Über Wiens Erzbischof Groer und den "Kunst- und Künstlerbischof" Krenn sei das Meßgewand des Schweigens gebreitet, – es gilt die jüngeren und jüngsten Wortmeldungen noch einmal zusammenzufassen und vor Augen zu führen. Die Antwort auf die Kritik an Österreich von innen und außen ist nach wie vor keine sachliche, kein Abwägen, kein Nachdenken – sondern kollektive Aufgeregtheit. Österreichs Tageszeitungen sind voll von Zuschriften empörter Waldheimverteidiger der "Soldatengeneration".

Der steirische Bischof Weber wird seit Wochen attackiert, weil er diese "Soldatengeneration" nicht generell in Schutz genommen hat, und der Geschäftsführer des Grazer Großkaufhauses Kastner & Öhler weigert sich, weiterhin Getränke der Firma Seagram zu vertreiben, wegen "der dümmlich uninformierten Aussagen des Herrn Bronfman. über unseren Herrn Bundespräsidenten, die er in frechster Weise gemacht hat".

Der steirische Landtagspräsident Wegart (ÖVP) und der ehemalige ÖVP-Unterrichtsminister Piffl-Percevic sowie ein ÖVP-Landesrat wollen – wie ihr Staatsoberhaupt – auf die Watchlist gesetzt werden, und die Vereinszeitung des Kameradschaftsbundes Der Kamerad startet eine Kampagne, die darauf abzielt, die alten Kameraden ebenfalls auf die Watchlist zu setzen, da sie lauter kleine Waldheims seien, der selbst nur ein kleiner Leutnant gewesen sei.

Der Linzer ÖVP-Vizebürgermeister Hödl, der in einem Brief an den Präsidenten des World Jewish Congress Bronfman diesem bekanntlich vorwarf, seine Behauptungen seien so zu bewerten, "wie die ihrer Glaubensgenossen vor 2000 Jahren, die in einem Schauprozeß Jesus Christus zum Tode verurteilen ließen, weil er in das Konzept der Herren von Jerusalem nicht paßte", stellte sich öffentlich, in einem Interview, selbst die Frage: "Was heißt Antisemitismus? Gibt es einen Semitismus? Das habe ich gar nicht gewußt." Wenn es der Vizebürgermeister von Linz bis zum vergangenen Monat nicht gewußt hat, dann hätte er nur die sogenannte "Mahnwache" am Wiener Stephansplatz vom 6. bis 8, 7. (rund um die Uhr), bei der an den österreichischen Widerstand während des Nationalsozialismus erinnert wurde, besuchen müssen, dort wäre ihm von der ansonsten, wie es heißt, "schweigenden Mehrheit" seiner österreichischen Landsleute und Wähler sicherlich eine Lektion erteilt worden.

Zu diesem Bild passen, sozusagen als Goldrahmen, die Auslandsreisen "unseres Staatsoberhauptes" zu seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. und seiner Majestät Hussein von Jordanien – nachdem ein Einladungswunsch zum göttlichen Tenno bisher nicht von Erfolg gekrönt war. Ein Papst, ein König, eine Kutsche, eine Kirche, die Salzburger und Bregenzer Festspiele, Kinderchor und Kindervers: Der Grüne-Blatt-Herausgeber als geheimer Pressechef (Kitsch als Politik).

Am 12. 3. 1988 jährt sich der Gedenktag des "Einmarsches der deutschen Truppen in Osterreich zum fünfzigsten Mal, und hierauf wird "die Welt" das vergangene Grauen aufs Neue eindringlich in Erinnerung rufen. Es gehört schon zu den Höhepunkten des an obskuren Schwänken reichen politischen Laientheaters in Österreich, daß der Obmann der "Freiheitlichen Partei" Jörg Haider von einem "Jubiläum" des 12. 3. sprach, also unbewußt von einem freudigen Ereignis.

Inzwischen hat der österreichische Bundeskanzler sozusagen unbemerkt die Funktion des Staatsoberhauptes mitübernommen. Er schweigt und gleicht aus, er ergreift kaum Partei. Mit einem Wort, der sozialistische Bundeskanzler übt sich in der vornehmen Rolle des neutralen, über allen stehenden Staatsmannes – die ihm nicht zukommt –, als habe er die Worte seines Oberhauptes anläßlich dessen Salzburger Rede zur Maxime erhoben: "Aus Problemen, wie sie jedes Volk und jeder einzelne einmal hat, nur negative Schlüsse zu ziehen und unser Land schlecht zu machen, ist selbstzerstörend und kurzsichtig." Wir werden sehen, was uns die nächsten Akte des österreichischen Staatstheaters bringen.