Von André Müller

ANDRÉ MÜLLER: Die Leichen in Ihren Stücken sind nicht mehr zu zählen. Ihre Version von Shakespeares „Titus Andronicus“ geriet zum bluttriefenden Schlachtfest. Die Opfer werden verstümmelt, kastriert, zuletzt aufgegessen. Graut Ihnen manchmal vor dem Abgrund der eigenen Seele?

HEINER MÜLLER: So abgründig ist das gar nicht. Da stecken oft ganz praktische Gesichtspunkte dahinter. Brecht hat die stumme Rolle in der „Mutter Courage“ geschrieben, weil er schon im Exil war und die Weigel keine Fremdsprache konnte. Shakespeare wollte einem Knaben, der stotterte, eine Hauptrolle geben. Im elisabethanischen Theater waren die Frauenrollen mit Knaben besetzt. Also ließ er der Lavinia in „Titus Andronicus“ gleich zu Anfang die Zunge abhacken, damit der Junge das spielen konnte.

In Ihrer Erzählung „Liebesgeschichte“ beschreiben Sie einen Traum, in dem eine Frau mit einem Beil zerlegt wird.

Das träumt doch jeder. Vielleicht drückt sich da eine bestimmte Angst aus.

Angst vor Frauen?

Die habe ich eigentlich nicht, auch nicht das Bedürfnis, eine Frau zu beherrschen. Angst wird abgearbeitet, indem man sie träumt. Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen. Das geht nur, wenn er nicht interpretiert, was er hervorbringt. Ich schreibe mehr, als ich weiß. Ich will nicht nachdenken über das, was ich mache.