Wenn man das Wort ,Krebs‘ hört, dann schaltet irgend etwas ab, und man denkt gleich ans Schlimmste.“ Dieser Satz, er stammt von einem Architekturstudenten, gibt wieder, was viele von uns empfinden. Was ist so besonders an „Krebs“, daß schon sein Name soviel Macht über unsere Gefühle hat? Was macht es uns so schwer, uns mit Krebskrankheiten auseinanderzusetzen?

In letzter Zeit haben mehrere Forschergruppen den Versuch unternommen, den verbreiteten Vorstellungen und Phantasien über Krebs auf die Spur zu kommen. Von ihren Studien erhoffen sie sich einen unmittelbaren praktischen Nutzen: Die Ergebnisse sollen erklären helfen, warum Krebsfrüherkennungsprogramme so wenig Anklang finden. Dr. Rolf Verres von der Abteilung für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg ist überzeugt: „Wenn wir herausfinden wollen, warum die Medizin in diesem Bereich bei den Menschen nicht ankommt, kommen wir überhaupt nicht umhin, uns sehr detailliert mit dem Denken der Laien über Krebsursachen und Vorsorgemöglichkeiten auseinanderzusetzen. Es reicht nicht aus, einfach Fragebögen einzusetzen: ‚Warum kommen Sie nicht zur Krebsvorsorge?‘ Wir müssen vielmehr eintauchen in die innere Welt jedes einzelnen.“

Inkarnation von Unglück

Dieser Versuch, in fremde innere Welten einzutauchen, war bisher meist Sache der Ethnologen oder allenfalls einer kleinen Gruppe von Volkskundlern. Inzwischen entdecken aber immer mehr Mediziner ihr Interesse an den Krankheitsvorstellungen der Patientinnen und Patienten, mit denen sie tagtäglich zu tun haben. Und sie gestehen den Laien nicht nur Ansichten und Meinungen, sondern regelrechte Theorien über Krankheiten zu.

Solche subjektiven Krankheitstheorien unterscheiden sich allerdings in wesentlichen Punkten von ihren wissenschaftlichen Pendants: Sie liegen nicht bewußt und abrufbereit vor; oft wird den Befragten erst im Verlauf des Gesprächs klar, was sie zum Beispiel über Krebskrankheiten denken. Die subjektiven Theorien sind nicht stabil, sie ändern sich mit neuen Erfahrungen. Sie können unvereinbare Vorstellungen und Widersprüche enthalten, die gar nicht als solche erkannt werden. Gefühle spielen in den subjektiven Theorien eine entscheidende Rolle. „Und“, fügt der Mediziner und Psychologe Rolf Verres hinzu, „die subjektiven Krankheitstheorien in der Bevölkerung enthalten immer auch tradierte Elemente des Wissens und Glaubens, die aus der jeweils aktuellen Perspektive von Fachleuten als ,überholt‘ gelten können, aber aus der Perspektive der einzelnen Laien noch vertraut und subjektiv sinnvoll erscheinen.“

Dieser Umstand dürfte es aber gerade Medizinern schwierig machen, Laienvorstellungen über Krankheiten zu erforschen. Wie sollen die sich ausgerechnet den angeblich soviel aufgeklärteren Fachleuten eröffnen? Verres’ Kollege Dr. Hermann Faller vermutet selbstkritisch: „Ein Arzt, der Laientheorien untersucht, gleicht einem Missionar, der heidnische Glaubensvorstellungen erforscht.“

Trotzdem haben die Heidelberger Wissenschaftler eine Fülle von Phantasien und Vorstellungen zu Krebskrankheiten sammeln können, die zum Teil banal-vertraut erscheinen, zum Teil aber auch überraschend sind. Ein Team aus Ärzten und Psychologen erarbeitete zunächst einen detaillierten Gesprächsleitfaden und ein ausgeklügeltes Auswertungssystem. Dann befragten die Wissenschaftler rund hundert Frauen und Männer, die als Patienten in Allgemeinarztpraxen gekommen waren. Die Befragten litten selber nicht unter einer Krebskrankheit, viele von ihnen besuchten nach eigenen Angaben den Arzt wegen „Kleinigkeiten“: Zur Befragungszeit war es Winter und damit Schnupfen- und Erkältungszeit.