Das Winke-Händchen mit den geschlossenen Fingern wackelt wie toll auf und ab. Kein huldvolles oder verschämtes Fächern mit der flachen Hand. Wie sich die blinde Passagierin der Bildübertragung diskret, doch unverrückbar aufgepflanzt hat! Wie sie bei aller Scheu sich die Gelegenheit nicht nehmen läßt! Wie sie die Kameraschwenks abwartet, ein bauernschlaues Lächeln zeigt und los!

In einem Werbefilm der Reichsbahn von 1930, jetzt zu entdecken in der Berliner Ausstellung „Eine Reise nach Berlin“, ist zu sehen, wie eine Pferdedroschke am Stettiner Bahnhof vorfährt. In Großaufnahme ruht die Kamera auf den Fahrgästen, die sich zum Aussteigen richten. Und der Betrachter nimmt aus dem Augenwinkel eine fremde Bewegung wahr: einen weißen Fleck, der im Hintergrund hektisch auf- und niederfährt – eine Hand, die winkt, – ein Tele-Winker anno 1930!

Vermutlich sogar der erste in der Filmgeschichte. Jene Spezies, die nicht anders kann, als sich einer Filmkamera winkend in den Weg zu stellen; die nur als Element eines Passantenstroms oder einer Zuschauermenge ins Bild geholt wurde, um einer Aufnahme Atmosphäre und Authentizität zu verleihen – und nicht, um sich durch Winken hervorzutun; kurz: der Schrecken von Film- und Fernsehleuten. Bringt es ein Tele-Winker nur im langjährigen Umgang mit Medienübertragungen zur Meisterschaft? Die historische Filmaufnahme spricht dagegen: Die kleine Winkehand, die den eroberten Bildausschnitt blankzuputzen scheint, macht bald auf den Kopf daneben aufmerksam. Ein vergnügtes, nicht mehr junges Gesicht, ein züchtiger Kragenansatz. Das Haar ist glatt zurückgenommen und auf dem Hinterkopf wohl zu einem Knoten gesteckt – am Anfang des Tele-Winkens, noch unbeleckt von Film- und Fernsehprogrammen, war eine Frau!

In jedem Fall könnte das beherzte Auftreten der alten Frau auch heute noch beispielgebend sein. Gewinkt wird auf offener Straße, hinter dem Rücken des berichterstattenden Reporters. Gewinkt wird in völliger Finsternis vom 2. Rang während der Übertragung eines Konzertabends. Gewinkt wird in Fernseh-Shows, obwohl der Moderator gleich zu Beginn gebeten hatte, sich damit zurückzuhalten. Und während selbst den Kandidaten auf der Bühne Grußadressen nur in aller Kürze gestattet sind, wird im Studio-Publikum, aus dem Hinterhalt, ungeniert gewinkt.

Die Bewegung ist notwendig, um sich von einer vergleichsweise ruhigeren Umgebung abzuheben. Gewinkt wird über die Köpfe der anderen hinweg. In zögerndem Wedeln oder in triumphierenden Wischbewegungen. Gewinkt wird eigentlich fast immer, wenn sich die Kamera ins Feld begibt.

Manche tun auch das Gegenteil von Winken: sie wenden sich ab. Sie werden mürrisch, wenn die Kamera das Leben einfangen will. Gestalten, die sich eben noch am Fenster zeigten, weichen schlagartig zurück. Dahinter verberge sich puritanisches Mißtrauen gegenüber den Medien, meinen die einen, kritische Distanz die anderen.

Auf keinen Fall gewinkt werden darf bei Dreharbeiten zu einem Spielfilm. Dort wird das Leben erfunden, man muß es nicht erst einfangen. Nicht gewinkt wird auch im Theater, wenn ein Komparse plötzlich im Parkett die Tante entdeckt hat.