Der Sieg Fidel Castros auf Kuba elektrisierte die gesamte Linke Lateinamerikas. Castro fand allerorten Nachahmer: Ché Guevaras Scheitern in Bolivien kühlte zwar die Begeisterung etwas ab, aber der „bewaffnete Kampf“ gilt seitdem als politische Option und Gegenmodell zum Parteien-Parlamentarismus.

In Chile beherrschten Anfang der sechziger Jahre zwei Parteien das linke Spektrum. Die Sozialisten wollten über Wahlen eine legale, nationale Revolution erreichen. Die moskautreuen Kommunisten vertraten – auch aus bösen Erfahrungen – einen streng legalistischen Weg. Beide Parteien mußten ihre castristischguevaristischen Heißsporne abstoßen, die sich nach vielen Anfängen im August 1965 zum Movimiento de Izquierda Revolutionärin (Bewegung der Revolutionären Linken – MIR) zusammenschlössen.

Der MIR, entstanden an der Universität Concepción und maßgeblich beeinflußt von den Brüdern Enriquez, verknüpfte mehrere Elemente: die castristische Landguerilla mit Konzepten der brasilianischen Stadtguerilla, die „Mobilisierung der Massen“ mit der „direkten Aktion“, die Untergrundaktionen kleinster Zellen mit der politischen Propaganda durch den „politischen (legalen) Arm“. Durch Landbesetzungen, Banküberfälle, Anschläge auf Infrastruktur, Polizei und Militär (wobei es auch Tote gab) sollte das revolutionäre Bewußtsein der Massen geweckt und die legitime Regierung zu Gegenmaßnahmen provoziert werden.

Der Kampf begann etwa 1966/67 unter der christdemokratischen Reformregierung Frei, die sich zu wehren wußte. Knapp 500 Aktivisten, aber mehrere Tausend Sympathisanten zählte der MIR damals; den Wettlauf zwischen Aufstachelung der Unterschichten und staatlicher Verfolgung gewann die Regierung. Dann geschah im Herbst 1970, was der MIR erstens für unmöglich gehalten und zweitens als „reformistisch“ erbittert bekämpft hatte: Der Sozialist Salvador Allende wurde zum Präsidenten gewählt.

Der MIR weigerte sich, in die Allendesche Linkskoalition einzutreten; die meisten Mitglieder kamen dank einer Amnestie frei und setzten den „revolutionären Kampf“ fort.

Nach dem Putsch vom September 1973 zerschlugen Militär, Polizei und Geheimdienst den MIR. Ein Jahr später wurden die letzten Führer umgebracht; ein Neffe Allendes, Andres Pascal Allende, übernahm die Führung der ins Exil verschlagenen Bewegung. Neu entstand sie wieder 1978/79, als die erste Repressionswelle abebbte und Pinochet daran ging, sein Regime legalistisch abzusichern. Im Sommer 1981 verübte der neue MIR wieder die ersten Anschläge, auf Banken, Polizisten, Militärs. Er fand Zulauf, als ein Jahr später die allgemeine Wirtschafts- und Schuldenkrise auch Chile erfaßte.

Nach wie vor bekennt sich der MIR zur Gewalt: „Mit der Diktatur verhandelt man nicht, die Diktatur zerstört man.“ Für dieses Nahziel findet er noch, freilich stark eingeschränkten, Beifall; sein Fernziel ist mittlerweile auch in den eigenen Reihen umstritten – so sehr, daß sich die Bewegung im vorigen Jahr in zwei Flügel aufgespalten hat. Dafür sind mehrere Gründe maßgeblich.