Von Christian Pfeiffer und Horst Schüler-Springorum

Im Jahr 1983 lebten in der Bundesrepublik 1,1 Millionen Siebzehnjährige. 1993 werden es nur noch 590 000 sein. Wie wird sich unter diesen Umständen die Jugendkriminalität entwickeln? Mit dieser Frage haben wir in den letzten Monaten oft versucht, bei unseren Gesprächspartnern Interesse für ein Thema zu wecken, mit dem sich gegenwärtig Polizeibeamte, Jugendrichter, Sozialarbeiter und Wissenschaftler beschäftigen. Wir erhielten meist eindeutige Antworten, etwa so: „Die Jugendkriminalität wird natürlich sinken – erstens, weil es zunehmend weniger Jugendliche gibt, und zweitens, weil es den Jugendlichen doch zunehmend besser ergehen müßte, wenn sich erst einmal alle um sie reißen werden. So werden sich wohl die Chancen erhöhen, daß die Jugendarbeitslosigkeit allmählich zurückgeht. No future und Null Bock sind dann doch Schlagworte von gestern.“

Vorsichtigere Antworten erhielten wir, wenn wir so fragten: „Wie mag sich die Jugendkriminalität wohl entwickeln, wenn einerseits die Zahl der Jugendlichen in den kommenden Jahren immer weiter absinken wird, wenn aber andererseits die Zahl der Ladendetektive, der Polizeibeamten, der Jugendstaatsanwälte und der Zellen im Jugendstrafvollzug konstant bleibt oder sich gar erhöht?“

Was gerade noch plausibel erschien, wird durch diese Gegenüberstellung auf einmal zweifelhaft. Ist das, was unsere Gesellschaft als Jugendkriminalität definiert, nicht in hohem Maß davon abhängig, wie eng wir unser Netz sozialer Kontrolle knüpfen? Und: Wird dann das Netz nicht zwangsläufig enger geknüpft, wenn man von den Prämissen der zweiten Fragestellung ausgeht? Steigt also in den nächsten Jahren das Risiko eines Sechzehnjährigen beträchtlich, etwa wegen einer Rauferei auf dem Schulhof oder einer Schwarzfahrt mit dem Auto des Vaters als Straftäter registriert und verurteilt zu werden? Kommen nicht zwangsläufig mehr Jugendliche hinter Gitter, weil es zunehmend mehr Zellen geben wird?

Im Jahr 1984 gab es hierzulande 7,2 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren und 7 188 Haftplätze im Jugendstrafvollzug oder 99,8 Gefängniszellen pro 100 000 Jugendliche und Heranwachsende. Bis zum Jahr 1994 wird die Zahl der 14- bis 21jährigen nur noch etwa 4,1 Millionen betragen; die Zahl der Haftplätze pro 100 000 dieser Altersgruppe wird also auf 174,8 ansteigen. Ohne daß eine einzige Zelle gebaut werden muß, wird dank des Geburtenrückgangs die Kapazität im Jugendstrafvollzug um 75 Prozent erhöht. Zum Vergleich: Zwischen 1974 und 1984 war die „Haftplatzkapazität“ im Jugendstrafvollzug mit erheblichem Finanzaufwand um ganze 9,5 Prozent angehoben worden.

Welche Auswirkungen lassen sich als Folge dieser Entwicklung voraussehen? Auf eine mögliche Konsequenz macht schon seit langem die Organisationssoziologie aufmerksam. Sie weist darauf hin, daß staatliche oder kommunale Einrichtungen, die nicht gezwungen sind, nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen zu arbeiten, bei rückläufigem Arbeitsanfall zu „pathologischer Überreaktion“ neigen. Entweder man beschäftigt sich länger als nötig mit dem einzelnen Fall. Beispiel: Man verlängert den Krankenhausaufenthalt eines Patienten, der eigentlich entlassen werden könnte. Oder man dehnt die eigene Zuständigkeit aus. Beispiel: Man empfiehlt einen Krankenhausaufenthalt bei einem Patienten, dessen Leiden früher ambulant behandelt worden wäre. Ziel der Überreaktion: Die Institution verschafft sich die Arbeit, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer ungeschmälerten Existenz benötigt.