Von Horst Bieber

Der Zufall führte wohl Regie, aber das Ergebnis hatte symbolischen Wert. Die fünf zentralamerikanischen Präsidenten, die Donnerstag und Freitag vergangener Woche zu einem Gipfeltreffen nach Guatemala-Stadt gekommen waren, saßen bei der feierlichen Abschlußkundgebung an einem wuchtigen Tisch, der gleichwohl zu klein war. Links außen war der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega, ausnahmsweise in Zivil, plaziert. Neben ihm hatte sein salvadorianischer Kollege Napoleon Duarte Platz genommen, notgedrungen auf Tuchfühlung mit dem aus vielen Gründen ungeliebten Nachbarn. Tags zuvor waren sie noch recht kühl miteinander umgegangen, aber abends hatten sie sich dann – so wollten es die "sicheren Quellen" wissen – zu einem oder mehreren Drinks unter vier Augen zurückgezogen, was unverzüglich als Erfolg des cumbre verbucht wurde, als Sieg der Realitäten über die Ideologien. Schließlich hat der linke Sandinist die rechte Contra im Lande, der Christdemokrat in San Salvador die linke Befreiungsfront Farabundo Marti am Halse. Das erzeugt Gemeinsamkeiten, über ideologische Gräben hinweg.

Doch am Freitag rückte Ortega nach links, um Platz zu bekommen, während der Präsident von Costa Rica, Oscar Arias Sanchez, den Friedensplan für Zentralamerika verlas, und als die fünf Exemplare von den fünf Präsidenten unterschrieben wurden, blieb Ortega nur die äußere linke Ecke des Tisches, der Ort, an dem ihn seine Kollegen ohnedies sehen. Mit seiner Unterschrift überwand der Sandinist diese Isolierung und machte perfekt, was überschwengliche Kommentatoren sofort "ein Wunder" nannten: Der Friede in Zentralamerika hat wieder eine Chance. Zum ersten Mal haben die fünf Staaten des Isthmus – Costa Rica, Nicaragua, El Salvador, Honduras und Guatemala – sich schriftlich dazu verpflichtet, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und nicht länger darauf zu warten, daß andere Regierungen ihre Differenzen ausräumen oder mit Formelkompromissen überkleistern.

Der guatemaltekische Gastgeber Vinicio Cerezo Arevalo drückte es in seiner Schlußansprache mit lateinischer Brillanz, aber doch präzise aus: "Wir wollen Subjekte und Hauptakteure unserer eigenen Geschichte werden ... Von den anderen Nationen der Welt verlangen wir Verständnis, Toleranz, Zuneigung, Solidarität, aber vor allem Respekt vor unserem Willen, Frieden zu schaffen." Da wurden keine Namen genannt, doch es war klar, an wen der Christdemokrat sich wandte, an Moskau und Washington. Die krisengeschüttelte Region will nicht länger Nebenkriegsschauplatz des Ost-West-Konfliktes sein, und wenn es ein "Wunder von Guatemala" tatsächlich gibt, dann gehört dazu die Bereitschaft Nicaraguas, dieser Be- oder auch Verurteilung seines großen Freundes Sowjetunion zuzustimmen.

Auch die andere Großmacht erhielt ihre Abfuhr. Während Mitte voriger Woche die Außenminister das Treffen der Präsidenten vorbereiteten, legte Ronald Reagan überraschend einen neuen Friedensplan vor, der einen sofortigen Waffenstillstand verlangte und bis zum 30. September den Abschluß bilateraler und multilateraler Verhandlungen über allgemeine Truppenreduzierungen, Abzug fremder Militärberater und eine Demokratisierung und freie Wahlen in Nicaragua unter Einschluß der amnestierten Contra forderte. Im Gegenzug versprach Washington, seine Manöver in Honduras abzubrechen und die Hilfe an die Contra einzustellen. Andernfalls habe jede der beteiligten Parteien jedoch freie Hand.

Am 30. September läuft die Einhundert-Millionen-Dollar-Hilfe für die Contra aus. Auf dem Höhepunkt der "Ollimania" hatte das Weiße Haus angekündigt, es werde Ende September 150 Millionen für die Sandinisten-Gegner beim Kongreß anmelden; doch die Begeisterung für den forschen Oliver North ist abgeklungen, und militärische Hilfe ohne einen politischen Friedensvorstoß würde im demokratisch regierten Kongreß zur Zeit abgelehnt werden.

Der Gipfel von Guatemala nahm das offenkundige Manöver zur Kenntnis und beachtete es weiter nicht. Er vermied jede brüske Ablehnung, lobte sogar einzelne Elemente, gab schließlich jedoch durch den Gastgeber zu verstehen, es sei vielleicht ein Modell, für Nicaragua Frieden zu erreichen, verfehle dieses Ziel hingegen für die gesamte Region, die sich als Einheit begreife und das bekannte divide et impera nicht länger mitmachen wolle.