Kühne Pläne in Unterfranken – ein Feriengebiet soll einem Stausee weichen, aber das Hafenlohrtal wehrt sich / Von Rosemarie Noack

Wenn alles vorüber ist, wird die stille Landschaft stumm geworden sein. Denn es wird sie nicht mehr geben. Der Fluß, die Wiesen und die Wälder, nichts davon wird bleiben, nichts von den tausend Farben, Formen und Stimmen. Zwischen die Bergrücken wird sich eine gigantische Betonwanne schieben, bis zum Rand gefüllt mit Wasser, in dem sich nichts mehr bewegt und nichts mehr lebt. Gefällt und niedergewalzt, was da grünte und blühte, die Erde versiegelt, das Hafenlohrtal als Staubecken ausgekleidet. Von Beton erstickt eine der wenigen ökologisch noch intakten Spessart-Regionen.

Über eine Länge von 25 Kilometern begleiten Buchen-, Eichen- und Fichtenwälder das oft nur bachbreite Flüßchen, das in Rothenbuch entspringt und sein Wasser bei Hafenlohr dem Main übergibt. Es durchquert eine Gegend, die der Mensch in Jahrhunderten nur mäßig verändert hat. So ist sie zum Rückzugsgebiet seltener, vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten geworden. 250 Hektar Land, das acht Kilometer lange Gebiet zwischen Diana und Fürstenbrücke, soll nach dem Willen der Bayerischen Staatsregierung überflutet, das Wasser in einem Trog mit einem fünfzig Meter hohen Damm gestaut werden.

Genau zehn Jahre ist es in diesem Sommer her, daß Münchens Pläne für diese großtechnologische Anlage im Hafenlohrtal bekannt wurden. Und seitdem kämpft die Aktionsgemeinschaft Hafenlohrtal (AGH) gegen das Mammutprojekt zur Trinkwassergewinnung.

Das Wort Idylle ist seit langem kein ehrliches Wort mehr, doch so unredlich auch wieder nicht, daß man es ausmustern müßte: Das Hafenlohrtal ist noch eine Idylle, eine Idylle auf Abruf, bewohnt von kaum zwei Dutzend Menschen. Sie leben in Weilern, wie man hier die kleinen Ansiedlungen nennt, Gruppen von nur wenigen Häusern. Zwei prächtige Gasthöfe liegen da im Wiesental und zwischen den Bäumen versteckt ein paar Waldschänken.

„Dies ist eine Landschaft, die gibt es gar nicht mehr“, schrieb Kurt Tucholsky, als er 1927 mit seinen beiden Wanderfreunden Karlchen und Jakob im „Gasthaus Hochspessart“ Rast machte. Er wußte nicht, wie hellsichtig er war. An welchem der Tische in der großräumigen Wirtsstube mögen die fröhlichen Zecher gesessen haben? In dieser ältesten Sommerfrische der Region kehren die Wanderer noch heute ein; auch aus Hessen kommen die Gäste auf einen Sprung zum Abendessen herüber. Wildschweinbraten wird serviert, Forelle blau und gebacken. Ein stämmiger Wandersmann, mit Hut vor seinem Hirschkalbsbraten, drückt Knödel in seinen knödelrunden Bauch, ein übermütiges Damenkränzchen löffelt Suppe aus tiefen Tellern. Von den Wänden beäugen Bussard, Hühnerhabicht und Sperber die Ausflügler. Ölbilder zwischen schweren Holzrahmen plagiieren herbstliche Waldeinsamkeit. Eine Bocksbeutelgalerie erteilt Geographieunterricht: Hier sind wir in Unterfranken.

Zehn Jahre ist es her, daß die Gaststube die Menschen nicht fassen konnte, die da hineindrängten. Eine erregte, aufgebrachte Menge, die ihre Empörung in gezielte Gegenwehr umsetzen wollte. Damals wurde hier die Aktionsgemeinschaft Hafenlohrtal gegründet. Wer heute durch den Hochspessart fährt oder wandert, kann das Signet der Bürgerinitiative auf großen Holztafeln nicht übersehen: „Rettet das Hafenlohrtal – stoppt den Stausee.“ Nach jahrelanger missionarischer Überzeugungsarbeit, unterstützt vom Bund Naturschutz und anderen sympathisierenden Verbänden, postuliert der AGH-Vorsitzende Sebastian Schönauer selbstbewußt: „Heute steht ganz Unterfranken hinter uns und gegen den Stausee.“