Jetzt schlagen sie wieder zu, die Fremdenverkehrsorte, die Verkehrsvereine, die Gebietsgemeinschaften, die Regionen und Provinzen. Sie buhlen um die Gunst der Touristen, jeder möchte in der Übernachtungsstatistik die Konkurrenten überflügeln. Also müssen Prospekte her mit herrlichen Farbphotos und mit einer verführerischen Diktion, die auch den letzten Reisemuffel in die Püschen treibt. Doch genau da beginnt die Verlegenheit.

Gelobt werden soll natürlich, aber auch wieder nicht zu toll, denn da muß auf die Mitglieder des Verkehrsvereins, auf einen Ort, ein Tal, jenes Hotel und dieses Restaurant Rücksicht genommen werden. Und so hat der deutsche Fremdenverkehr aus lauter Rücksichtnahme und Feigheit eine neue Sprachform entwickelt, die man am besten den Gummizug-Superlativ nennt.

Jeder kennt ihn, und er nistet überall dort, wo es um Werbung geht. "Eines der schönsten Täler . .", "eines der größten Hallenbäder ...", "eines der angenehmsten Hotels ..." und so weiter und so fort. Nur ja keine eindeutige Aussage, lautet die Parole, und deshalb wird dem Superlativ der bestimmte Artikel, den er doch unabänderlich tragen muß, entwendet und durch die unverbindliche Gummizug-Version ersetzt.

Der Superlativ, und da folgen wir dem großen Sprachkenner W. E. Süskind, ist nicht einfach eine dritte Steigerungsstufe ähnlich einer Treppe. Wer auf der zweiten Stufe steht, ist größer, wer auf die dritte springt, ist der größte? Der Superlativ ist nur der Form nach ein weiterer Steigerungsgrad. In Wirklichkeit führt er uns auf das Gebiet der Übertreibung, und es nimmt deshalb nicht wunder, daß wir ihm in der Sprache der Leidenschaft, der Aufwallung der Gefühle und bei der Schönfärberei auf Schritt und Tritt begegnen. Da gehört er auch hin, denn mit der Wahrheit nimmt er es nicht so genau, er trägt immer das unsichtbare Vorzeichen: "Aufpassen! Hier wird stark übertrieben!" Wer das will, der soll es auch tun.

Wer aber nur den Mund voll nehmen möchte, aber um Gottes willen niemanden kränken will, der greift zum Gummizug-Superlativ, der treu und brav versichert, daß er ja nur einer von vielen sei. Unbestimmtheit, Angst vor einer klaren Stellungnahme, vorsichtiges Taktieren, da stimmen wir W. E. Süskind zu, sind das Furchtbarste, was es in der Sprache und im Leben gibt: Es ist verlogen und feige. Dagegen ist, wir zitieren, "die grelle Fanfare der Quacksalber und Zirkusleute, wenn sie ‚die tollsten Sensationen aller Zeiten und Völker‘ versprechen, eine wahre Wohltat".

Ferdinand Ranft