Von Anna v. Münchhausen

Im düsteren Gestern ist er ganz zu Hause. Zwei Meter dick die Mauern, die Fenster bloße Schießscharten. Steile Treppen führen hinauf auf das flache Dach. Da liegt Hamburg als Postkarte zu unseren Füßen – Hafen, Michel, Köhlbrandbrücke. Vom Wasser bringt eine kleine Brise brackigen Geruch mit, und aus den grauen Betonquadern zwängt sich Gras und Wiesenschaumkraut. Wie still es ist; der Lärm ist unten geblieben. „Dies“, sagt F. C. Gundlach, und seine Geste duldet keinen Einspruch, „ist mein Schutzraum“.

Man kann daran so seine Gedanken knüpfen, daß er einen alten Bunker, der im Krieg 10 000 Hamburgern Schutz bieten sollte, schon vor 30 Jahren zu seinem Studio gemacht hat. Denn Gundlachs Karriere ist ohne die 50er Jahre nicht zu erklären und nicht zu verstehen.

Modephotograph wurde er, als eben der Dior’sche New Look den Krieg äußerlich beendet hatte und zu neuer Üppigkeit aufrief. Reportagen für das Nierentisch-Bilderblatt Film und Frau waren seine frühe Spezialität, und man ließ ihm freie Hand. Schlagen wir auf und wundern wir uns: Ruth Leuwerik im Ozelot-Mantel, Nadja Tiller in Taftkorsage, Maria Schell mit neckisch schief drapiertem Pelz-Käppi und eine verlorene Romy Schneider auf der Suche nach sich selbst.

Mode in den Fünfzigern, das war’s, was in Paris passierte, und sonst gar nichts. Da hockte sich Gundlach – und er erzählt das so, als habe er das damals schon so komisch gefunden wie heute – bei den Haute-Couture-Schauen auf eine Treppe, um besser zu sehen, und dann kamen die Damen, mitten im Juli nie ohne Nerz, und balancierten stundenlang auf den dünnen Goldstühlchen, ohne auch nur einmal die lang ausgestreckten Beine anzuziehen. „Mir kommt es so vor“, hat Karl Lagerfeld rückblickend gesagt, „als wären die 50er Jahre auf einem anderen Planeten passiert.“

Die Modelle und die Photos, die diese Mode draußen vorführten, geben davon ein getreues Abbild: Standbein, Spielbein, die Hüfte eingeknickt, den Körper zum „S“ gebogen. Wieviel Arbeit muß es bedeutet haben, bis dieses Lächeln die Balance hielt zwischen wohlerzogen und frivol, zwischen Teestunde und Mitternacht. Bis dieses Lächeln im Kasten war, müssen Schweiß und Tränen geflossen sein. „Jedes einzelne Photo dieser Reihe ist“, kommentiert Gundlach in einem Katalog seine Arbeit aus 35 Jahren, „so künstlich es wirken mag, eine fixierte Momentaufnahme des jeweils vorherrschenden Zeitgefühls.“

Wie sich diese Welt des schönen Scheins so unverhofft hin- und wieder zurückwendet, auch dafür ist F. C. Gundlachs Arbeit ein augenfälliges Beispiel. Aus diesem Grund wohl wird sie – mit großer Resonanz in Bonn und derzeit in Hamburg – auch im Museum gezeigt. Was reiferen Jahrgängen eben noch so lächerlich gespreizt und verklemmt daherkommt, finden die ganz Jungen ja wieder extrem schrill. Sie vor allem kommen in Scharen und honorieren damit nicht nur die Arbeit „eines der wenigen international renommierten Photographen dieses Landes“ (wie das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe preist), sondern fühlen sich von diesem – sinnentleerten? sinnbefrachteten? – gestischen Repertoire der Mode angezogen.