Wo ein Bond ist, da ist auch ein Weg. Und wo kein Bond ist, da muß ein Bond werden. Denn stürbe Bond, so stünde die Welt schutzlos da und wäre den Superschurken und Mega-Gangstern ausgeliefert. Seit James Bond, der Kino-Held, vor 25 Jahren aus dem Willen des Produzenten Albert R. Bioccoli und der Vorstellung des Schriftstellers Ian Fleming gezeugt wurde – seither hat 007 schon vierzehn Mal die Welt, zumindest die westliche, vor dem Unterging gerettet.

Wie macht der Mann das bloß? Bond ist klug: Er hat in Cambridge studiert. Aber andere haben das auch. Bond ist hemmungslos: Läuft ihm ein hübsches Mädchen über den Weg, dann kann er nicht widerstehen, lockt die Dame ins Bett und tankt neue Lebenskraft. Aber so hielt es auch Casanova, der bekanntlich nie die Welt gerettet hat. Bond ist skrupellos: Größer noch als die Zahl seiner Eroberungen ist die der Männer, die er auf dem Gewissen hat. Ähnliche Angewohnheiten hatte allerdings auch Al Capone, der erwiesenermaßen mit der Rettung der Welt nichts im Sinn hatte.

Als Bond kam, da änderte sich auch die Welt, und unser Jahrhundert erlebte seine Pubertät. James Bond aber, damals noch ganz auf der Höhe seiner Zeit, war der Künder und Vollstrecker der Jugendkultur. Er rettete die neue, bunte, schöne, schnelle Welt vor der Macht der alten Männer: Goldfinger, Blofeld, Largo – trau keinem über dreißig!

Kein Wunder, daß 007 schon seit einigen Jahren in der Krise steckt. Die jungen Wilden aus Amerika haben längst alle Tempolimits für Spielfilme durchbrochen; sie morden mit Lichtgeschwindigkeit. Wenn Bond immer noch die bewährte Walther PPK zieht, sieht das ziemlich altbacken aus. Auch Bonds Miezen, die berühmten „Bondinen“, sind nicht mehr, was sie einst waren: Sie haben sich selbständig gemacht, geben sich eigensinnig, trainieren Schießen und Bodybuilding. Als im letzten Film die Schlafzimmertür zufiel und ein deutlich geschwächter Bond (alias Roger Moore) allein blieb mit der muskulösen Grace Jones, da fürchteten wir schon um Leben und Gesundheit unseres Helden, Kein Zweifel, James Bond brauchte dringend eine Verjüngungskur.

Wenig später stieg weißer Rauch auf über den Londoner Pinewood-Studios, und Albert R. Broccoli verkündete der Fan-Gemeinde: Wir haben einen neuen Bond, stark, schön und klug wie keiner mehr seit Sean Connery! Timothy Dalton heißt er, hat Shakespeare und „Flash Gordon“ gespielt und ist somit hinreichend qualifiziert.

Nun aber sind dem Helden zwei neue, scheinbar unüberwindliche Probleme gewachsen. Das erste heißt Aids. Bond ist unersetzlich, und das weiß er auch. Deshalb ist der neue Film von allen der prüdeste: Bond bleibt keusch bis zum Schluß. Bis zum nächsten Film muß „Q“, der ja sonst immer nur Waffen bastelt, für Bond ein Serum, ein Spezialkondom oder etwas Ähnliches entwickeln. Denn 007 ohne Sex ist wie eine Walther ohne Patronen.

Bonds zweites Problem aber kann auch „Q“ nicht lösen: Unser Held kämpft nicht länger nur gegen Schurken und Verschwörer – sein neuer, sein gemeinster Feind ist der Zeitgeist. Unser Lieblingsagent hat es aufgegeben, sich mit den neuen Helden aus Hollywoods Retorte messen zu wollen. Statt dessen besinnt er sich auf seine alten und bewährten Qualitäten: Charme, Zynismus und lockere Sprüche. Sogar den legendären Aston Martin, der seit „Feuerball“ vor sich hinrostete, hat der neue Bond aus der Garage geholt: Die sechziger Jahre kehren zurück. James Bond, einst seiner Zeit um zwei Schritte voraus, ist heute ein Nostalgiker, ein Zitat wie die „Levi’s“-Werbung oder ein wiederaufbereiteter Song von Billie Holiday.

Wir allerdings halten den ganzen Mann für eine geschickte Fälschung. Er trinkt zwar Wodka-Martinis wie der echte Bond, aber er bestellt sie „geschüttelt, nicht gerührt“. Da schluckt der Fachmann. Auch der neue Bond bekämpft die Super-Gangster und Verschwörer; war aber früher jedes Bond-Abenteuer so gebaut, daß es en passant die Welt erklärte, fein säuberlich die Guten von den Bösen schied, so strampelt im neuen Film der Agent durch einen Sumpf aus Lügen, Intrigen und Machenschaften. Der neue Bond erklärt nicht die Welt, er ist ein Meister der Verschleierung und ein hinterlistiger Dunkelmann. Geheimagenten und Kinogänger in aller Welt, paßt also auf: Wenn euch ein Mann begegnet, der aussieht wie Bond, spricht wie Bond, aber geschüttelte Martinis trinkt, dann seid auf der Hut! Dieser Mann ist ein getarnter KGB-Agent. Claudius Seidl