Von Nikolaus Piper

Peter der Große", sagt Reiner Lang, "die Schlüsselfigur zu allem, was sich jetzt in der Sowjetunion tut, heißt Peter der Große." Lang, 47 Jahre alt und Geschäftsführer und Alleininhaber der Heinemann Maschinen- und Anlagenbau GmbH in St. Georgen im Schwarzwald, muß in diesen Tagen oft an den Zaren denken, der vor gut dreihundert Jahren das rückständige russische Reich mit eiserner Gewalt an die westeuropäische Zivilisation heranführen wollte. Das Projekt jedenfalls, auf das er selbst sich eingelassen hat, erscheint ihm zuweilen kaum minder verwegen.

Vor gut fünf Wochen, am 7. Juli 1987, unterzeichnete Lang mit Nikolai Tschikirjow, dem Direktor der Werkzeugmaschinenfabrik Ordschonikidse am Stadtrand von Moskau, einen Vertrag zur Gründung des gemeinsamen Tochterunternehmens Homatec, des ersten gemischten Betriebes (Joint venture) zwischen einem sowjetischen und einem bundesdeutschen Unternehmen. Homatec, zu 55 Prozent sowjetisch, zu 45 Prozent deutsch, soll von Anfang 1988 an hochwertige Werkzeugmaschinen vor allem für den sowjetischen Markt herstellen und beschäftigt bereits jetzt, in der Vorbereitungsphase, rund 25 Arbeiter und Ingenieure.

Durch das spektakuläre Joint venture wurde Lang zum ersten westdeutschen Kapitalisten, dem die Sowjetunion in ihrer Planwirtschaft unternehmerische Entscheidungs- und Handlungsfreiheit einräumte. Vor den Reformen von Parteichef Michail Gorbatschow wäre das undenkbar gewesen.

Sieben Jahre Vorarbeit hat Lang das Projekt gekostet, im Durchschnitt hundertfünfzig Nächte jährlich in fremden Hotelbetten zwischen Moskau und Leningrad und schließlich sieben Millionen Mark Investitionen, deren Rentabilität noch keineswegs erwiesen ist. Da kommt es schon vor, daß der Unternehmer – vielleicht ganz ähnlich wie der von ihm bewunderte Zar – erschöpft den Schluß zieht: "Dieses Land frißt mich noch auf."

Eine ungewöhnlichere Ehe als dieses erste deutsch-sowjetische joint venture läßt sich in der Tat kaum vorstellen: Hier eine 125 Jahre alte Schwarzwälder Tüftlerfirma, spezialisiert auf die Herstellung automatisierter Drehbänke und flexibler Fertigungssysteme, mit 200 Arbeitnehmern und 60 Millionen Mark Jahresumsatz typisch für die mittelständische Wirtschaft Südbadens. Auf der anderen Seite der Maschinenbaugigant Ordschonikidse, mit 10 000 Werktätigen die größte und modernste Werkzeugmaschinenfabrik der Sowjetunion.

Wahrscheinlich wäre es zu der Verbindung nie gekommen, hätte der Altbesitzer der St. Georgener Firma, Hans Heinemann, nicht 1980 Konkurs anmelden müssen. Zu hohe Kosten und eklatante Managementfehler hatten der Firma die finanzielle Basis entzogen. Der Konkursverwalter mußte sich nach einem geeigneten Liquidator für das Heinemann-Erbe umsehen und stieß dabei auf Reiner Lang.