Neues aus der Festspielstadt Salzburg: Der Erzbischof hat den Mietvertrag mit der Festspielleitung gekündigt. George Taboris Oratorieninszenierung "Das Buch mit sieben Siegeln" hat für die nötige Klarheit gesorgt: Die Kollegienkirche wird in Zukunft nicht mehr als Spielstätte zur Verfügung stehen. Ein Entschluß, der hoffentlich nicht Schule macht. Denn wo bleiben wir sonst mit Jazz und Ballett, Ausstellungen und Diskussionen. Für all dieses hatte die Kirche sich doch (um Gotteslohn oder als Leasing-Partner) in den letzten Jahren immer gern zur Verfügung gestellt. Und das soll nun alles vorbei sein?

Anlaß genug zu der Frage: Warum eigentlich ist es in der Kirche so schön? Oder in der Scheune? Oder in der Fabrik? Denn nicht nur die kirchlichen Räume, auch alte Fabrikhallen, Herrenhäuser, Scheunen und Schlösser werden zunehmend entdeckt als Veranstaltungsorte für Konzerte und Kolloquien, Ausstellungen und Aufführungen. In die "Kampnagelfabrik", 1981 zunächst nur ein Ausweichquartier für das "Hamburger Schauspielhaus" während eines Umbaujahres, strömt inzwischen jung und alt lieber als ins prächtig renovierte Schauspielhaus. Kunstfreunde geraten ins Schwärmen nicht über die neuen Museumsbauten im Lande, sondern über die alte Tuchfabrik in Schaffhausen, die umgerüstet wurde in die "Hallen für Neue Kunst". Und Leute, die sonst wohl kaum an der Konzertkasse Schlange stehen, setzen sich ins Auto und fahren über Land, um in einem schleswig-holsteinischen Torhaus unbequem zu sitzen und Musik zu hören.

Die Künstler der Moderne haben dem Publikum und der Obrigkeit von allem Anfang an klar gemacht, daß sie sich mit den ihnen zugewiesenen Rollen und Räumen nicht begnügen würden. In den Jahren 1855 und 1867 zog Gustave Courbet, der von der Jury des Pariser Salon nicht akzeptiert wurde, mit seinen Bildern in einen eigenen Pavillon – eine erste Sezession, der noch viele folgen sollten. Aber wenn es im späten 19. Jahrhundert darum ging, daß die Künstler an den Forderungen der Juroren und Museumsdirektoren scheiterten, so ist es jetzt genau umgekehrt. Die Museen und Ausstellungshäuser müssen zur Kenntnis nehmen, daß sie den Forderungen der Künstler nicht mehr genügen können. Aktionen, Installationen, Environments und Riesenleinwände sprengen den Rahmen in vielfacher Beziehung.

Auch das Theater bewegt sich immer häufiger aus den Schauspielhäusern hinaus und zu neuen Orten, vor ungewöhnliche Kulissen. Der "Götz" in Jagsthausen, das "Käthchen" in Heilbronn, der "Hamlet" in Helsingborg: das sind Spekulationen darauf, daß die Authentizität des Ortes das Ihre beitragen möge zum dilettantischen Gelingen. Das Berliner Olympia-Stadion, in dem Klaus-Michael Grüber die nationalsozialistische Einschüchterungsarchitektur für die politische Text-Collage seiner "Winterreise" nutzte, hatte die genau umgekehrte, nämlich eine provokative Funktion. Und Peter Brooks Inszenierung des indischen "Mahabharata"-Epos, die letztes Jahr in einem Steinbruch bei Avignon zehn Stunden lang Premiere hatte, paßt überall hin, nur nicht in ein Theater.

Die Kirche als Kulisse, das Herrenhaus als Ambiente, die Fabrikhalle als Bühne: da ist, besonders bei den Fest- und Sommerspielen, auch ein froher Geschäftsgeist am Werke, der sich das Erlebnis einer bestimmten Atmosphäre von Ausflüglern mit einem Sinn fürs Höhere bezahlen läßt. Im Alltag der Städte allerdings sieht es etwas anders aus. Da mußten die Kunst und das Theater, die Oper und das Ballett sich neue Orte suchen, weil die alten Häuser oft nicht mehr ausreichten – was nicht nur eine Frage der Quadratmeter war. Sie zogen in die alten, oft funktionslos gewordenen Häuser und Hallen.

Warum ist es in der Kirche so schön oder in der Fabrik? Weil hier nicht mehr gebetet und gearbeitet werden muß. Die alten Häuser stehen leer, die Besitzer sind ausgezogen und mit ihnen ihre Botschaften. Vorläufig oder endgültig. Und so, wie eine gewisse Art von Seetieren sich in leergewordenen Schneckenhäusern einnistet, machen die neuen Bewohner von ihnen Gebrauch.

Petra Kipphoff