Von Reiner Luyken

An einem Aprilabend schaute Mr. Bunch, der Inhaber des Cottage Motel an der A 644 von Dewsbury nach Huddersfield, die Abendnachrichten im Fernsehen an. Ein Beitrag drehte sich um einen Sir Rudolf Bing, den man mit seiner Frau in einer schäbigen Bed & Breakfast-Herberge in der nordenglischen Industriestadt Leeds ausfindig gemacht hatte. Die Bings waren mittellos und konnten ihre Miete nicht begleichen. Lady Bing beantwortete in stark amerikanischem Tonfall die Fragen des Interviewers. Hinter ihr stand ein gebrechlicher, in einen zu großen Tweedmantel gehüllter Greis, der resigniert den Kopf hängen ließ.

Mr. Bunch hatte keine Ahnung, wer dieser Sir Rudolf war. Er hatte nie von der glänzenden Karriere dieses Mannes gehört, der, ein gebürtiger Wiener, in den zwanziger Jahren als Theatermanager in Darmstadt und Wien gewirkt hatte; der 1933 nach England emigrierte, Mitbegründer der Opernfestspiele von Glyndbourne wurde und nach dem Krieg das weltberühmte Edinburgh International Festival ins Leben rief. Mr. Bunch wußte auch nicht, daß Rudolf Bing danach über zwei Jahrzehnte lang die „Metropolitan Opera“ in New York als Generaldirektor geleitet hatte.

Diese Jahre an der „Met“ wurden zur „Ära Bing“. Maria Callas, Birgit Nielsson, Renata Tebaldi, Franco Corelli, Luciano Pavarotti – er machte sie alle zu Ingredienzen der größten Musikshow der Welt. Bing leitete die Show wie ein absolutistischer Potentat. „Le Met, c’est moi“, verkündete er damals stolz. Der 1971 von der britischen Königin zum Ritter geschlagene Sir Rudolf wurde zur New Yorker Institution – mitsamt seiner berühmten Melone, seinem Dackel, den er jeden Tag in Central Park spazieren führte, und seinem, wie ein Beobachter bemerkte, „schwer erträglichen Hochmut, der ihm vielleicht Bewunderer, aber wenig menschliche Wärme, manch einen Feind, aber kaum Freunde brachte“.

Mr. Bunch wußte von alledem nichts. Aber er ist einer der echten Gentlemen, wie man sie nur in Yorkshire oder Schottland findet. Er sah den Greis in Not, und er bot den Bings spontan eine Bleibe an. Vollpension. Geld spielt keine Rolle. Nun leben die Bings im Cottage Motel.

Es ist Abend. Draußen auf der Wiese übt ein Golfer im schwindenden Licht geduldig seine Puttschläge. Am Wiesenrand stehen dichtbelaubte Bäume. Dahinter, am jenseitigen Ufer des Flusses, steigen grüne Hügel aus dem Tal.

Im Speisesaal des Motels sitzen sechs Damen an dem langen Tisch neben der Verandatür, Angestellte einer Reinigungsfirma, die in der Nähe auf Zeitkontrakt arbeiten; sie plaudern. Ein junges Paar am kleinen Tisch in der Zimmermitte ist ganz mit sich selbst beschäftigt. Aus dem Nebenzimmer schallt ein Frank-Sinatra-Song herüber: „Something in your eyes ...“