Von Lester C. Thurow

In den monatlichen Daten hat es zwar Schwankungen gegeben, aber das amerikanische Handelsbilanzdefizit in den ersten fünf Monaten des Jahres 1987 war mit 69 Milliarden Dollar um vier Milliarden höher als in den ersten fünf Monaten des vergangenen Jahres. Viele Wirtschaftsexperten sagen voraus, daß in diesem Jahr das Defizit in der Handelsbilanz der Vereinigten Staaten noch größer sein wird als im vergangenen Jahr, und fast jedermann prognostiziert, daß das Leistungsbilanzdefizit, in dem auch die Zinszahlungen auf die Auslandsschulden enthalten sind, 1987 größer sein wird als 1986. Warum aber gab es trotz eines realen Wertverfalls beim Dollar um 35 Prozent (gegenüber vielen Währungen, wie der Deutschen Mark, sogar mehr) keine durchgreifende Verbesserung in der amerikanischen Zahlungsbilanz?

Die gängige Antwort der Experten auf diese Frage ist die sogenannte J-Kurve. Die J-Kurve spiegelt die Tatsache wider, daß beim Wertverfall einer Währung die Importpreise sofort steigen und die Exportpreise sofort fallen, noch ehe sich die Export- oder Importmengen anpassen konnten – was in einem Land mit sinkendem Wechselkurs zu einer Verschlechterung der Handelsbilanz führt. Später, wenn sich die Handelsströme den veränderten Wechselkursen angepaßt haben, sind die Wirkungen der Volumensänderungen stärker als die Preiswirkungen, und das Defizit schrumpft. So verursachen fallende Wechselkurse zunächst eine Verschlechterung der Handelsbilanz und erst später eine Verbesserung.

Der Dollar fällt jedoch schon seit zweieinhalb Jahren, so lange also, daß sich eigentlich eine nennenswerte Verbesserung bei den Ausfuhr- und Einfuhrmengen hätte einstellen müssen. Noch wichtiger: Die vorhergesagten ungünstigen Preiswirkungen, die zur Erklärung der J-Kurve dienen, sind nie in der Realität eingetreten. Da amerikanische Exporte in Dollar fakturiert werden, sind die Dollarpreise der US-Exporte nicht gefallen. Was noch mehr überrascht: Die Preise nach Amerika importierter Waren sind im Verhältnis zu den Binnenpreisen nicht gestiegen. Selbst wenn man Öl beiseite läßt, sind die Einfuhrpreise erst in der allerjüngsten Vergangenheit schneller gestiegen als die Binnenpreise. Deshalb hat sich bis jetzt aus den amerikanischen Statistiken noch kein J-Kurven-Effekt ablesen lassen.

Warum blieb dann trotzdem jede Verbesserung der Handelsbilanz aus? Öl ist ein Teil der Antwort. 1986 fielen die Ölpreise, und die Ölimporteure kürzten ihre Käufe im Ausland, um im Falle weiter sinkender Preise Verluste bei ihren Lagerbeständen zu vermeiden. Wenn die Ölpreise 1986 nicht gefallen wären, hätte das US-Handelsbilanzdefizit 190 Milliarden Dollar erreicht und nicht jene 166 Milliarden, die tatsächlich registriert wurden. 1987 hingegen stiegen sowohl die Ölpreise als auch die Einfuhrmengen. Einige Verbesserungen auf anderen Gebieten werden durch diese Verschlechterung beim Öl wieder zunichte gemacht.

Die Landwirtschaft spielt auch eine Rolle. In den frühen achtziger Jahren hatten die Vereinigten Staaten bei landwirtschaftlichen Produkten einen Netto-Ausfuhrüberschuß von fast dreißig Milliarden Dollar. Seit die Grüne Revolution in der Dritten Welt erfolgreich war und die europäische Agrarpolitik die Exportchancen der amerikanischen Farmer beschneidet, sank der Überschuß auf drei Millionen Dollar, und der fallende Dollarkurs hält diesen Rückgang nicht auf. Die Verluste aus dem Agrarhandel müssen durch Gewinne auf anderen Märkten ausgeglichen werden, wenn insgesamt eine Verbesserung sichtbar werden soll.

Mangelndes Wachstum im Rest der Welt erschwert die Steigerung amerikanischer Exporte. Wenn das deutsche Bruttosozialprodukt sinkt – wie im ersten Quartal 1987 geschehen muß der Dollarkurs fallen, nur um das amerikanische Exportniveau konstant zu halten. Ohne kräftiges Wachstum im Rest der Welt verliert ein schwacher Dollar die Hälfte seiner heilenden Kraft. Zwar können die Einfuhren immer noch fallen, aber die Exporte können nicht steigen.